Der Nicht­ge­sell­schaf­ter als Liqui­da­tor einer Publikumsgesellschaft

Eine auf Ver­trags­än­de­run­gen bezo­ge­ne Mehr­heits­klau­sel genügt jeden­falls in einer Publi­kums­ge­sell­schaft, um die Bestel­lung eines Liqui­da­tors durch ent­spre­chen­den Mehr­heits­be­schluss zu ermög­li­chen [1]. Der soge­nann­te Bestimmt­heits­grund­satz, der eine enge­re Sicht­wei­se recht­fer­ti­gen konn­te, hat nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs für die for­mel­le Legi­ti­ma­ti­on einer Mehr­heits­ent­schei­dung kei­ne Bedeu­tung mehr und galt über­dies schon nach der frü­he­ren Recht­spre­chung nicht für Publi­kums­ge­sell­schaf­ten. Gera­de in Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten, die auf Kapi­tal­samm­lung durch suk­zes­si­ve Auf­nah­me zahl­rei­cher, unter­ein­an­der nicht per­sön­lich ver­bun­de­ner Gesell­schaf­ter aus­ge­rich­tet und damit als Publi­kums­ge­sell­schaft kon­zi­piert sind, liegt eine weit­ge­hen­de Anwen­dung des Mehr­heits­prin­zips nahe, um ihre Hand­lungs­fä­hig­keit zu gewähr­leis­ten; dies gilt auch nach Auf­lö­sung der Gesell­schaft in der Abwick­lungs­pha­se [2].

Der Nicht­ge­sell­schaf­ter als Liqui­da­tor einer Publikumsgesellschaft

Der Grund­satz der Selbst­or­gan­schaft hat nach Auf­lö­sung einer Per­so­nen­ge­sell­schaft nicht mehr die glei­che Bedeu­tung wie wäh­rend ihres Bestehens als wer­ben­de Gesell­schaft. Im Liqui­da­ti­ons­sta­di­um beschränkt sich der Zweck der Gesell­schaft auf die Aus­ein­an­der­set­zung und die hier­zu erfor­der­li­chen Maß­nah­men bei der Ver­wal­tung des Gesell­schafts­ver­mö­gens. Die Inter­es­sen der ein­zel­nen Gesell­schaf­ter gehen stär­ker aus­ein­an­der als wäh­rend des Bestehens der wer­ben­den Gesell­schaft; sie wer­den nicht mehr als mit dem Gesell­schafts­zweck und dem Inter­es­se der übri­gen Gesell­schaf­ter par­al­lel lau­fend ver­mu­tet [3].

Wenn die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne gemein­schaft­li­che Geschäfts­füh­rung aller Gesell­schaf­ter (vgl. § 730 Abs. 2 Satz 2 BGB) wegen des Zuschnitts der Gesell­schaft als Publi­kums­ge­sell­schaft nicht prak­ti­ka­bel erscheint und es daher zur Wah­rung der Hand­lungs­fä­hig­keit nahe­liegt, die Geschäfts­füh­rungs­auf­ga­ben (auch) im Sta­di­um der Liqui­da­ti­on auf eine oder ein­zel­ne Person(en) zu über­tra­gen, wider­spricht es nicht grund­sätz­lich den Inter­es­sen der übri­gen Gesell­schaf­ter, anstel­le eines Gesell­schaf­ters einen Drit­ten als Liqui­da­tor zu bestel­len, der an dem Ergeb­nis der Aus­ein­an­der­set­zung kein unmit­tel­ba­res Eigen­in­ter­es­se hat [4].

Dem­entspre­chend lässt § 146 Abs. 1 Satz 1 HGB für die offe­ne Han­dels­ge­sell­schaft die Bestel­lung eines Nicht­ge­sell­schaf­ters als Liqui­da­tor aus­drück­lich zu. Für die Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts gilt dies ent­spre­chend [5]. Dass hier­für stets ein ein­stim­mi­ger Gesell­schaf­ter­be­schluss erfor­der­lich sei, kann die­ser Lite­ra­tur­stel­le ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts nicht ent­nom­men wer­den. Die­ses Erfor­der­nis besteht nur, wenn im Gesell­schafts­ver­trag inso­weit kei­ne ande­re, von § 709 Abs. 1 BGB abwei­chen­de Rege­lung getrof­fen wur­de [6].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil des II. Zivil­se­nats vom 17. Sep­tem­ber 2013 – II ZR 68/​11

  1. vgl. Staub/​Habersack, HGB, 5. Aufl., § 146 Rn. 16; sie­he auch BGH, Urteil vom 11.10.2011 – II ZR 242/​09, ZIP 2011, 2299 Rn. 40[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15.11.2011 – II ZR 266/​09, BGHZ 191, 293 Rn.19[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 05.07.2011 – II ZR 199/​10, ZIP 2011, 1865 Rn.20[]
  4. vgl. Staub/​Habersack, HGB, 5. Aufl., § 146 Rn. 6[]
  5. vgl. Münch­Komm-BGB/­Schä­fer, 6. Aufl., § 730 Rn. 47[]
  6. sie­he auch C. Schä­fer, ZGR 2013, 237, 246[]