Die umsatz­steu­er­li­che Organ­schaft in der Insol­venz

Die Organ­schaft ent­fällt spä­tes­tens mit der Bestel­lung eines vor­läu­fi­gen Insol­venz­ver­wal­ters mit all­ge­mei­nem Zustim­mungs­vor­be­halt für die Organ­ge­sell­schaft.

Die umsatz­steu­er­li­che Organ­schaft in der Insol­venz

Der Grund­satz von Treu und Glau­ben wie auch der Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes ste­hen einer For­de­rungs­an­mel­dung von Umsatz­steu­er im Insol­venz­ver­fah­ren einer GmbH nicht ent­ge­gen, wenn die GmbH bei einer zunächst unzu­tref­fend bejah­ten Organ­schaft, bei der sie rechts­feh­ler­haft als Organ­ge­sell­schaft ange­se­hen wur­de, die tat­säch­lich von ihr als Steu­er­schuld­ner geschul­de­te Umsatz­steu­er von dem ver­meint­li­chen Organ­trä­ger ver­ein­nahmt hat.

Unab­hän­gig von der Fra­ge einer finan­zi­el­len Ein­glie­de­rung und dem Streit, ob zwi­schen den bei­den Gesell­schaf­ten (hier: einer Betriebs-GmbH und einer Besitz-KG) über­haupt in der Ver­gan­gen­heit eine orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­glie­de­rung bestan­den hat, ist die Organ­schaft, selbst wenn sie ent­ge­gen der BFH-Recht­spre­chung zu einem frü­he­ren Zeit­punkt bestan­den hät­te, spä­tes­tens mit der Bestel­lung des vor­läu­fi­gen Insol­venz­ver­wal­ter mit all­ge­mei­nem Zustim­mungs­vor­be­halt für die GmbH als (angeb­li­che) Organ­ge­sell­schaft ent­fal­len [1]. Der Bun­des­fi­nanz­hof hält auch an die­ser Recht­spre­chung unter Beach­tung der uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben fest [2].

Der Grund­satz von Treu und Glau­ben wie auch der Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes ste­hen einer For­de­rungs­an­mel­dung von Umsatz­steu­er im Insol­venz­ver­fah­ren einer GmbH nicht ent­ge­gen, wenn die GmbH bei einer zunächst unzu­tref­fend bejah­ten Organ­schaft, bei der sie rechts­feh­ler­haft als Organ­ge­sell­schaft ange­se­hen wur­de, die tat­säch­lich von ihr als Steu­er­schuld­ner geschul­de­te Umsatz­steu­er von dem ver­meint­li­chen Organ­trä­ger ver­ein­nahmt hat.

Die Rechts­grund­sät­ze von Treu und Glau­ben sowie von Ver­trau­ens­schutz sind nur unter Berück­sich­ti­gung der „Maß­nah­men, Handlung[en] oder Dis­po­si­tio­nen des Steu­er­pflich­ti­gen“ von Bedeu­tung [3].

Inso­weit ist im Streit­fall zu berück­sich­ti­gen, dass das Finanz­amt die Umsatz­steu­er, die für Rech­nung der KG als ver­meint­li­che Organ­trä­ge­rin an das Finanz­amt gezahlt wor­den war, an die KG erstat­tet hat, und dass der Insol­venz­ver­wal­ter auf der Grund­la­ge der zwi­schen der GmbH und der KG bestehen­den Ver­trä­ge von der KG erfolg­reich die Aus­zah­lung der vom Finanz­amt an die KG erstat­te­ten Umsatz­steu­er in die Insol­venz­mas­se erreicht hat, wie sich aus dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 15.10.2014 [4] ergibt. Der Bun­des­fi­nanz­hof kann den zwi­schen dem vor­läu­fi­gen Insol­venz­ver­wal­ter und der KG bestehen­den Rechts­streit auf­grund der Bezug­nah­me des Finanz­ge­richt auf die Ein­spruchs­ent­schei­dung und das abschlie­ßen­de Urteil in die­sem Rechts­streit durch den BGH als gerichts­be­kannt berück­sich­ti­gen.

Hat mit­hin das Finanz­amt Umsatz­steu­er an die KG als ver­meint­li­chen Organ­trä­ger der GmbH erstat­tet und die GmbH von der KG die Aus­zah­lung die­ser Umsatz­steu­er erlangt, so ist das Finanz­amt durch Treu und Glau­ben nicht gehin­dert, die­se Umsatz­steu­er gegen die GmbH als Steu­er­schuld­ner im Insol­venz­ver­fah­ren der GmbH gel­tend zu machen.

Auch Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­te kön­nen bei die­ser Sach­la­ge im Hin­blick auf die rechts­feh­ler­haf­te Beja­hung einer Organ­schaft gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 2 UStG durch die an der Organ­schaft Betei­lig­ten nicht gel­tend gemacht wer­den und ste­hen daher einer Kor­rek­tur die­ser Fehl­be­ur­tei­lung für die Ver­gan­gen­heit nicht ent­ge­gen.

Ohne dass der Bun­des­fi­nanz­hof über die Vor­aus­set­zun­gen des § 176 AO abschlie­ßend zu ent­schei­den hät­te, kommt eine direk­te oder ana­lo­ge Anwen­dung die­ser Vor­schrift nicht in Betracht, da nicht nur das Finanz­amt, son­dern auch die Par­tei­en des beim BGH geführ­ten Rechts­streits von einem Feh­len der orga­ni­sa­to­ri­schen Ein­glie­de­rung aus­ge­gan­gen sind. Die Recht­spre­chungs­än­de­rung des BFH zur finan­zi­el­len Ein­glie­de­rung kann daher kei­ne kau­sa­le Grund­la­ge für den gel­tend gemach­ten Ver­trau­ens­schutz sein, so dass es auf die Fra­ge einer Schutz­be­dürf­tig­keit, die ohne­hin zu ver­nei­nen ist, nicht ankommt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. August 2016 – V R 36/​15

  1. vgl. BFH, Urteil vom 08.08.2013 – V R 18/​13, BFHE 242, 433, Leit­satz 1[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 252, 158, unter II. 1.a dd (2) []
  3. vgl. nur BFH, Urteil vom 30.10.2014 – IV R 61/​11, BFHE 247, 332, BStBl II 2015, 478, unter II. 3.d[]
  4. BGH, Urteil vom 15.10.2014 – XII ZR 111/​12, GmbH-Rund­schau 2015, 200[]