Indus­trie- und Han­dels­kam­mern – und die Gren­zen der Inter­es­sen­ver­tre­tung

Einem Gewer­be­be­trieb, der gesetz­li­ches Mit­glied einer Indus­trie- und Han­dels­kam­mer ist, kann gegen sei­ne Kam­mer ein Anspruch auf Aus­tritt aus dem Deut­schen Indus­trie- und Han­dels­kam­mer­tag (DIHK e.V.) zuste­hen kann, wenn die­ser sich außer­halb des den Kam­mern gezo­ge­nen Kom­pe­tenz­rah­mens betä­tigt, nament­lich Stel­lung­nah­men zu all­ge­mein­po­li­ti­schen The­men abgibt.

Indus­trie- und Han­dels­kam­mern – und die Gren­zen der Inter­es­sen­ver­tre­tung

Geklagt in dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te ein Unter­neh­men der Wind­ener­gie­bran­che aus Müns­ter, das unter ande­rem bemän­gel­te, der (frü­he­re) Prä­si­dent des DIHK habe sich wie­der­holt zu all­ge­mein­po­li­ti­schen The­men sowie ein­sei­tig zu Fra­gen der Umwelt- und Kli­ma­po­li­tik geäu­ßert. Der Unter­neh­mer ist gesetz­li­ches Mit­glied der ört­li­chen Indus­trie- und Han­dels­kam­mer Nord West­fa­len, die ihrer­seits dem DIHK ange­hört. Er for­der­te die ört­li­che Kam­mer schon 2007 zum Aus­tritt aus dem Dach­ver­band auf, weil des­sen Tätig­keit den gesetz­li­chen Kom­pe­tenz­rah­men der Indus­trie- und Han­dels­kam­mern über­schrei­te. Als die IHK sich wei­ger­te, erhob der Unter­neh­mer gegen die IHK Nord West­fa­len Kla­ge auf Aus­tritt aus dem Dach­ver­band.

Sei­ne Kla­ge blieb vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter ohne Erfolg [1], eben­so die Beru­fung vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müs­ter [2]. Auf die Revi­si­on des Unter­neh­mers hat nun jedoch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Müns­te­ra­ner Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter zurück­ver­wie­sen:

Ein Unter­neh­men wird durch die gesetz­li­che Pflicht, einer berufs­stän­di­schen Kam­mer anzu­ge­hö­ren, in sei­ner all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit beschränkt. Des­halb muss es die Tätig­keit der IHK nur in dem Rah­men hin­neh­men, den das Gesetz der IHK zieht. Nach dem IHK-Gesetz gehört es zu den wesent­li­chen Auf­ga­ben der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer, das Gesamt­in­ter­es­se der ihr ange­hö­ren­den Gewer­be­trei­ben­den ihres Bezirks wahr­zu­neh­men, nament­lich die Behör­den durch Vor­schlä­ge, Gut­ach­ten und Berich­te zu unter­stüt­zen und zu bera­ten; die Wahr­neh­mung sozi­al­po­li­ti­scher und arbeits­recht­li­cher Inter­es­sen ist aus­drück­lich aus­ge­nom­men.

Die Inter­es­sen der Gewer­be­trei­ben­den wer­den auch durch über­re­gio­na­le Fra­gen berührt, wes­halb die Indus­trie- und Han­dels­kam­mern sich zu einem Dach­ver­band wie dem DIHK zusam­men­schlie­ßen dür­fen, um ihre Belan­ge gegen­über den Län­dern, dem Bund oder der Euro­päi­schen Uni­on zu ver­tre­ten. Das setzt aber vor­aus, dass der DIHK sich sei­ner­seits inner­halb des den Kam­mern gesetz­lich gezo­ge­nen Kom­pe­tenz­rah­mens bewegt. Äußert der DIHK sich dem­ge­gen­über auch zu all­ge­mein­po­li­ti­schen oder zu sozi­al­po­li­ti­schen und arbeits­recht­li­chen The­men, so darf kei­ne Kam­mer dies dul­den. Das­sel­be gilt, wenn der DIHK die Inter­es­sen der Indus­trie- und Han­dels­kam­mern ein­sei­tig oder unvoll­stän­dig reprä­sen­tiert, nament­lich beacht­li­che Min­der­heits­po­si­tio­nen über­geht, oder wenn die Art und Wei­se sei­ner Äuße­run­gen den Cha­rak­ter sach­li­cher Poli­tik­be­ra­tung ver­lässt und die Gebo­te der Sach­lich­keit und Objek­ti­vi­tät miss­ach­tet. In der­ar­ti­gen Fäl­len kann jedes Kam­mer­mit­glied von sei­ner IHK ver­lan­gen, das Nöti­ge zu tun, dass der DIHK wei­te­re Kom­pe­tenz­über­schrei­tun­gen unter­lässt; bei Wie­der­ho­lungs­ge­fahr kann es von sei­ner Kam­mer ver­lan­gen, aus dem DIHK aus­zu­tre­ten.

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren hat­te der Unter­neh­mer zahl­rei­che Kom­pe­tenz­über­schrei­tun­gen aus den Jah­ren 2004 bis 2013 nach­ge­wie­sen. Weil das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter aber zur Fra­ge, ob auch künf­tig eine Wie­der­ho­lung der­ar­ti­ger Äuße­run­gen droht, noch kei­ne Fest­stel­lun­gen getrof­fen hat, muss­te die Sache an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen wer­den. Die­ses wird bei der Prü­fung der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr auch zu berück­sich­ti­gen haben, ob der DIHK in sei­ner Sat­zung wirk­sa­me Vor­keh­run­gen gegen künf­ti­ge Kom­pe­tenz­über­schrei­tun­gen trifft.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 23. März 2016 – 10 C 42015 -

  1. VG Müns­ter, Urteil vom 20.05.2009 – 9 K 1076/​07[]
  2. OVG NRW, Urteil vom 16.05.2014 – 16 A 1499/​09[]