Umsatz­steu­er­recht­li­che Organ­schaft – und die orga­ni­sa­to­ri­sche Eingliederung

Eine orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­glie­de­rung ist auch ohne Per­so­nen­iden­ti­tät in den Lei­tungs­gre­mi­en des Organ­trä­gers und der Organ­ge­sell­schaft gege­ben, wenn nach dem Anstel­lungs­ver­trag zwi­schen der Organ­ge­sell­schaft und ihrem nomi­nell bestell­ten Geschäfts­füh­rer die­ser die Wei­sun­gen der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung sowie eines ange­stell­ten Drit­ten zu befol­gen hat, der auf die Wil­lens­bil­dung der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung ein­wir­ken kann und der zudem allein­ver­tre­tungs­be­rech­tig­ter Geschäfts­füh­rer des Organ­trä­gers ist.

Umsatz­steu­er­recht­li­che Organ­schaft – und die orga­ni­sa­to­ri­sche Eingliederung

Nach § 2 Abs. 1 Satz 1 UStG ist Unter­neh­mer, wer eine gewerb­li­che oder beruf­li­che Tätig­keit selb­stän­dig aus­übt. Das Unter­neh­men umfasst die gesam­te gewerb­li­che oder beruf­li­che Tätig­keit des Unter­neh­mers (§ 2 Abs. 1 Satz 2 UStG). Gewerb­lich oder beruf­lich ist jede nach­hal­ti­ge Tätig­keit zur Erzie­lung von Ein­nah­men, auch wenn die Absicht, Gewinn zu erzie­len, fehlt oder eine Per­so­nen­ver­ei­ni­gung nur gegen­über ihren Mit­glie­dern tätig wird (§ 2 Abs. 1 Satz 3 UStG).

Die gewerb­li­che oder beruf­li­che Tätig­keit wird gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 2 Satz 1 UStG nicht selb­stän­dig aus­ge­übt, wenn eine juris­ti­sche Per­son nach dem Gesamt­bild der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se finan­zi­ell, wirt­schaft­lich und orga­ni­sa­to­risch in das Unter­neh­men des Organ­trä­gers ein­ge­glie­dert ist (Organ­schaft).

§ 2 Abs. 2 Nr. 2 Satz 1 UStG beruh­te im Jahr 2005 auf Art. 4 Abs. 4 Unter­abs. 2 der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern ‑jetzt: Art. 11 der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehrwertsteuersystem‑, wonach es vor­be­halt­lich der Kon­sul­ta­ti­on nach Art. 29 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG jedem Mit­glied­staat frei­steht, im Inland ansäs­si­ge Per­so­nen, die zwar recht­lich unab­hän­gig, aber durch gegen­sei­ti­ge finan­zi­el­le, wirt­schaft­li­che und orga­ni­sa­to­ri­sche Bezie­hun­gen eng mit­ein­an­der ver­bun­den sind, zusam­men als einen Steu­er­pflich­ti­gen zu behan­deln (sog. Mehrwertsteuergruppe).

Nach natio­na­lem Recht ist es für die Annah­me einer Organ­schaft i.S. von § 2 Abs. 2 Nr. 2 Satz 1 UStG erfor­der­lich, dass der Organ­trä­ger finan­zi­ell über die Mehr­heit der Stimm­rech­te bei der abhän­gi­gen juris­ti­schen Per­son ver­fügt, wirt­schaft­lich mit der Organ­ge­sell­schaft ver­floch­ten ist und die mit der finan­zi­el­len Ein­glie­de­rung ver­bun­de­ne Mög­lich­keit der Beherr­schung der Toch­ter­ge­sell­schaft in der lau­fen­den Geschäfts­füh­rung auch recht­lich wahr­neh­men kann [1].

Eine orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­glie­de­rung i.S. einer engen Ver­flech­tung mit Über- und Unter­ord­nung liegt regel­mä­ßig vor, wenn Per­so­nen­iden­ti­tät in den Lei­tungs­gre­mi­en von Organ­trä­ger und Organ­ge­sell­schaft besteht [2].

In Aus­nah­me­fäl­len kann eine orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­glie­de­rung aber auch ohne per­so­nel­le Ver­flech­tung in den Lei­tungs­gre­mi­en des Organ­trä­gers und der Organ­ge­sell­schaft vorliegen.

Vor­aus­set­zung dafür ist, dass insti­tu­tio­nell abge­si­cher­te unmit­tel­ba­re Ein­griffs­mög­lich­kei­ten in den Kern­be­reich der lau­fen­den Geschäfts­füh­rung der Organ­ge­sell­schaft gege­ben sind [3]. Eine bloß fak­ti­sche Geschäfts­füh­rung reicht dage­gen nicht aus. Der Organ­trä­ger muss durch schrift­lich fixier­te Ver­ein­ba­run­gen (z.B. Geschäfts­füh­rer­ord­nung, Kon­zern­richt­li­nie) in der Lage sein, gegen­über Drit­ten sei­ne Ent­schei­dungs­be­fug­nis nach­zu­wei­sen und den Geschäfts­füh­rer der Organ­ge­sell­schaft bei Ver­stö­ßen gegen sei­ne Anwei­sun­gen haft­bar zu machen [4].

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall nahm die Ober­ge­sell­schaft nach dem fest­ge­stell­ten Gesamt­bild der tat­säch­li­chen und recht­li­chen Ver­hält­nis­se auf­grund insti­tu­tio­nell abge­si­cher­ter unmit­tel­ba­rer Ein­griffs­mög­lich­kei­ten ‑mit­tels des V- die mit der finan­zi­el­len Ein­glie­de­rung der Toch­ter­ge­sell­schaft ver­bun­de­ne Mög­lich­keit der Beherr­schung in der lau­fen­den Geschäfts­füh­rung wahr, indem sie die­se durch die Art und Wei­se der Geschäfts­füh­rung beherrsch­te. Zwar war in der Toch­ter­ge­sell­schaft ein Drit­ter (Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger), S, zum ein­zel­ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten Geschäfts­füh­rer bestellt, doch hat­te er nach § 1 Abs. 2 des Anstel­lungs­ver­trags Wei­sun­gen der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung sowie des Geschäfts­füh­rers der Ober­ge­sell­schaft, V, zu befol­gen. In der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung hät­te S sich nicht durch­set­zen kön­nen, da die Geschäfts­an­tei­le von der Ober­ge­sell­schaft, an deren Stamm­ka­pi­tal – V zu 90 % betei­ligt war, gehal­ten wurden.

Dabei kön­nen weder die Tat­sa­che, dass – V nicht per­so­nen­iden­tisch mit der Ober­ge­sell­schaft ist, noch die Fest­stel­lung, dass – V von der Toch­ter­ge­sell­schaft ein Gehalt bezog, zu einer ande­ren recht­li­chen Beur­tei­lung füh­ren. Denn – V war Geschäfts­füh­rer der Ober­ge­sell­schaft. Besteht danach Per­so­nen­iden­ti­tät in der Geschäfts­füh­rung, muss ‑wie dar­ge­legt- von der orga­ni­sa­to­ri­schen Ein­glie­de­rung aus­ge­gan­gen wer­den [5].

Fer­ner bejah­te der Bun­des­fi­nanz­hof im vor­lie­gen­den Fall auch eine wirt­schaft­li­che Ein­glie­de­rung. Nach den Fest­stel­lun­gen der Außen­prü­fung erbrach­te die Ober­ge­sell­schaft im Streit­jahr gegen­über den Toch­ter­ge­sell­schaf­ten Bera­tungs­leis­tun­gen. Da hin­sicht­lich der Ein­glie­de­rungs­vor­aus­set­zun­gen das Gesamt­bild der Ver­hält­nis­se maß­ge­bend ist, erfor­dert die Annah­me einer Organ­schaft nicht, dass alle drei Ein­glie­de­rungs­merk­ma­le glei­cher­ma­ßen fest­stell­bar sind; tritt auf einem der drei Gebie­te die Ein­glie­de­rung weni­ger stark in Erschei­nung, so hin­dert dies nicht, trotz­dem eine Organ­schaft anzu­neh­men [6]; zudem hat das Finanz­amt gegen die Annah­me einer wirt­schaft­li­chen Ein­glie­de­rung der Toch­ter­ge­sell­schaft nichts vorgetragen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 12. Okto­ber 2016 – XI R 30/​14

  1. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 29.10.2008 – XI R 74/​07, BFHE 223, 498, BStBl II 2009, 256, unter II. 1.b, Rz 16; vom 08.08.2013 – V R 18/​13, BFHE 242, 433, BFH/​NV 2013, 1747, Rz 24 f.; vom 02.12 2015 – V R 12/​14, BFH/​NV 2016, 437, Rz 22 f.; vom 02.12 2015 – V R 15/​14, BFHE 252, 158, BFH/​NV 2016, 506, Rz 20, 21, 42[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 17.01.2002 – V R 37/​00, BFHE 197, 357, BStBl II 2002, 373, unter II. 1.c bb, Rz 33; vom 08.08.2013 – V R 18/​13, BFHE 242, 433, BFH/​NV 2013, 1747, Rz 25 f.; jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le vom 03.04.2008 – V R 76/​05, BFHE 221, 443, BStBl II 2008, 905, unter II. 4., Rz 41; in BFHE 252, 158, BFH/​NV 2016, 506, Rz 43[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 05.12 2007 – V R 26/​06, BFHE 219, 463, BStBl II 2008, 451, unter II. 3., Rz 25; Abschn.02.8 Abs. 10 des Umsatz­steu­er-Anwen­dungs­er­las­ses[]
  5. vgl. BFH, Urteil in BFHE 252, 158, BFH/​NV 2016, 506, Rz 43[]
  6. vgl. z.B. BFH, Urteil in BFHE 223, 498, BStBl II 2009, 256, unter II. 1.b, Rz 16[]