Untreue – und die Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht des Prokuristen

Untreue setzt sowohl in der Vari­an­te des Miss­brauchs(§ 266 Abs. 1 Alt. 1 StGB) als auch in der­je­ni­gen des Treu­bruch­tat­be­stands (§ 266 Abs. 1 Alt. 2 StGB) vor­aus, dass dem Täter eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht obliegt und er die­se verletzt.

Eine sol­che Pflicht ist gege­ben, wenn der Täter in einer Bezie­hung zum (poten­ti­ell) Geschä­dig­ten steht, die eine beson­de­re, über die für jeder­mann gel­ten­den Pflich­ten zur Wah­rung der Rechts­sphä­re ande­rer hin­aus­ge­hen­de Ver­ant­wor­tung für des­sen mate­ri­el­le Güter mit sich bringt. Den Täter muss eine inhalt­lich beson­ders her­aus­ge­ho­be­ne Pflicht zur Wahr­neh­mung frem­der Ver­mö­gens­in­ter­es­sen treffen.

Hier­für ist in ers­ter Linie von Bedeu­tung, ob sich die fremd­nüt­zi­ge Ver­mö­gens­für­sor­ge als Haupt­pflicht, mit­hin als zumin­dest mit­be­stim­men­de und nicht nur bei­läu­fi­ge Ver­pflich­tung dar­stellt. Die­se beson­ders qua­li­fi­zier­te Pflich­ten­stel­lung in Bezug auf das frem­de Ver­mö­gen muss über eine rein tat­säch­li­che Ein­wir­kungs­mög­lich­keit hinausgehen.

Erfor­der­lich ist wei­ter­hin, dass dem Täter Raum für eigen­ver­ant­wort­li­che Ent­schei­dun­gen und eine gewis­se Selb­stän­dig­keit belas­sen wird. Hier­bei ist nicht nur auf die Wei­te des ihm ein­ge­räum­ten Spiel­raums abzu­stel­len, son­dern auch auf das Feh­len von Kon­trol­le, also auf sei­ne tat­säch­li­chen Mög­lich­kei­ten, ohne eine gleich­zei­ti­ge Steue­rung und Über­wa­chung durch den Treu­ge­ber auf des­sen Ver­mö­gen zuzu­grei­fen [1].

All­ge­mei­ne schuld­recht­li­che Ver­pflich­tun­gen, ins­be­son­de­re aus Aus­tausch­ver­hält­nis­sen, rei­chen nicht aus, und zwar auch dann nicht, wenn sich hier­aus Rück­sicht­nah­me­o­der Sorg­falts­pflich­ten erge­ben. In der Regel wird sich eine Treue­pflicht nur aus einem fremd­nüt­zig typi­sier­ten Schuld­ver­hält­nis erge­ben, in wel­chem der Ver­pflich­tung des Täters Geschäfts­be­sor­gungs­cha­rak­ter zukommt. Bei rechts­ge­schäft­li­cher Grund­la­ge kommt es im Ein­zel­fall auf die ver­trag­li­che Aus­ge­stal­tung des Rechts­ver­hält­nis­ses an [2].

Zwar spricht eine Stel­lung als Pro­ku­rist grund­sätz­lich dafür, dass der Pro­ku­rist der Geschäfts­her­rin gegen­über treu­pflich­tig war [3]. Für die inhalt­li­che Aus­ge­stal­tung und Reich­wei­te der Treue­pflicht sind indes die ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen der Par­tei­en maßgeblich.

Soll­te es ihm nach den ver­trag­li­chen Abre­den trotz sei­ner Pro­ku­ris­ten­stel­lung gestat­tet gewe­sen sein, sich bei bestimm­ten Ver­trags­schlüs­sen eine Pro­vi­si­on zu sichern, steht des­halb – bezo­gen auf das von die­sem Ver­trags­part­ner zu zah­len­de Ent­gelt – ein fremd­nüt­zig typi­sier­tes Schuld­ver­hält­nis in Zwei­fel. Aus der Pro­ku­ris­ten­be­stel­lung ergibt sich jeden­falls nicht zwin­gend, dass der Pro­ku­rist kein Pro­vi­si­ons­in­ter­es­se ver­fol­gen darf. Dass die ver­hand­lungs­füh­ren­de Per­son einen Teil der Gegenleis18 tung, zu wel­cher der Ver­trags­part­ner bereit ist, sei­nem Geschäfts­herrn ent­zieht und in die eige­ne Tasche lenkt, ist bei einer sol­chen Erlaub­nis nicht pflicht­wid­rig [4].

Eine Pflicht­ver­let­zung des Pro­ku­ris­ten im Sin­ne von § 266 Abs. 1 StGB ist damit nicht belegt. Auch die Ver­let­zung einer Infor­ma­ti­ons­pflicht über die getrof­fe­ne Ver­rech­nungs­ab­re­de mit der Ver­trags­part­ne­rin wür­de dann hier­für nicht aus­rei­chen. Denn hier­bei han­del­te es sich allen­falls um eine sons­ti­ge ver­trag­li­che Rücksichtnahmepflicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Janu­ar 2020 – 1 StR 421/​19

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.11.2016 – 5 StR 313/​15, BGHSt 61, 305 Rn. 33 mwN; und vom 25.05.2010 – – VI ZR 205/​09, BGHZ 185, 378 Rn. 9[]
  2. vgl. zum Gan­zen BGH, Urteil vom 11.12 2014 – 3 StR 265/​14, BGHSt 60, 94 Rn. 26; Beschluss vom 02.04.2008 – 5 StR 354/​07, BGHSt 52, 182 Rn. 15 ff.; jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 06.09.1962 – 1 StR 298/​62, bei Her­lan, GA 1964, 130; SSWStGB/​Saliger, 4. Aufl., § 266 Rn. 15; Waß­mer in Graf/​Jäger/​Wittig, Wirt­schaftsund Steu­er­straf­recht, 2. Aufl., § 266 StGB Rn. 49; NKStGB/​Kindhäuser, 5. Aufl., § 266 Rn. 58[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 05.12 1990 – – IV ZR 187/​89 Rn. 16[]