Win­zer­gel­der – die Win­zer­ge­nos­sen­schaft als Bank

Win­zer­ge­nos­sen­schaf­ten, Win­zer­ge­mein­schaf­ten und ver­gleich­ba­ren Betrie­be bedür­fen für über­jäh­ri­ge Zins­ge­schäf­te mit Win­zer­gel­dern einer Erlaub­nis nach dem Kreditwesengesetz.

Win­zer­gel­der – die Win­zer­ge­nos­sen­schaft als Bank

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nimmt der Klä­ger, ein in der Pfalz ansäs­si­ger Win­zer, die Beklag­ten als ehe­ma­li­ge Geschäfts­füh­rer der Kom­ple­men­tär-GmbH der zwi­schen­zeit­lich insol­ven­ten L. GmbH & Co. KG wegen des von ihm über meh­re­re Jah­re bei der Schuld­ne­rin belas­se­nen und auf­grund der Insol­venz nicht zurück­er­hal­te­nen „Win­zer­gelds“ auf Scha­dens­er­satz in Anspruch. Bei der Schuld­ne­rin war es bereits seit den 1970er Jah­ren stän­di­ge Geschäfts­pra­xis, dass eine Viel­zahl von Erzeu­gern aus der Win­zer­ge­mein­schaft (im Durch­schnitt 160 bis 300 Win­zer) jeweils einen Teil des Ent­gelts für die Ablie­fe­rung ihrer Trau­ben als jeder­zeit abruf­ba­re „Ein­la­ge“ gegen Ver­zin­sung ste­hen lie­ßen, damit die Schuld­ne­rin mit dem Kapi­tal wirt­schaf­ten konn­te. Im Jah­re 2007 hat­ten min­des­tens 50 Erzeu­ger „Win­zer­gel­der“ in Höhe von ins­ge­samt etwa 2.500.000 € ohne bank­üb­li­che Sicher­hei­ten bei der Schuld­ne­rin ein­be­zahlt. Eine Erlaub­nis nach dem Kre­dit­we­sen­ge­setz besa­ßen die Schuld­ne­rin bezie­hungs­wei­se ihre Kom­ple­men­tär-GmbH nicht.

Die Win­zer­ge­mein­schaft, der auch der Klä­ger ange­hört, ver­pflich­te­te sich mit Lie­fer- und Abnah­me­ver­trag vom 1. Sep­tem­ber 1983 zur Lie­fe­rung von Wein­trau­ben an die Schuld­ne­rin. Der Ver­trag wur­de mit Ver­ein­ba­rung vom 6. Okto­ber 1989 unter ande­rem um die Rege­lung ergänzt, dass für den Fall, dass ein Mit­glied der Win­zer­ge­mein­schaft (Erzeu­ger) einen Teil oder den Gesamt­erlös sei­ner Ern­te bei der Schuld­ne­rin ste­hen lässt, die­ser Betrag mit 5 % ver­zinst wird und der Zins­satz mit stei­gen­dem und fal­len­dem Kre­dit­zins glei­tend sein soll. Nach­dem der Klä­ger auf sei­ne ursprüng­lich getä­tig­ten Ein­zah­lun­gen in Höhe von zuletzt 81.447,67 € nach der Insol­venz der Schuld­ne­rin teil­wei­se Ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen von drit­ter Sei­te erhal­ten hat, ver­lang­te er von den Beklag­ten Ersatz des Rest­be­trags Zug um Zug gegen Abtre­tung sei­ner im Insol­venz­ver­fah­ren der Schuld­ne­rin fest­ge­stell­ten Ansprüche. 

In die­sem Umfang hat­te die Kla­ge in den Vor­in­stan­zen sowohl vor dem Land­ge­richt Land­au in der Pfalz wie auch in der Beru­fung vor dem Pfäl­zi­schen Ober­lan­des­ge­richt Zwei­brü­cken Erfolg [1]. Nach Auf­fas­sung des Pfäl­zi­schen Ober­lan­des­ge­richts han­delt es sich bei den vom Klä­ger ein­ge­zahl­ten Gel­dern um Ein­la­gen im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 KWG, so dass die Beklag­ten durch die Annah­me der Gel­der ohne die dafür erfor­der­li­che Erlaub­nis gegen § 32 Abs. 1 Satz 1, § 54 Abs. 1 Nr. 2 Fall 1, Abs. 2 KWG ver­sto­ßen hät­ten und dem Klä­ger des­we­gen delik­tisch zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet seien. 

Auf die vom Ober­lan­des­ge­richt im Beru­fungs­ur­teil zuge­las­se­ne Revi­si­on der Beklag­ten hat der Bun­des­ge­richts­hof hat die Beur­tei­lung des Pfäl­zi­schen Ober­lan­des­ge­richts bestätigt: 

Die Geschäfts­pra­xis der Schuld­ne­rin erfüll­te alle Merk­ma­le eines Ein­la­gen­ge­schäfts im Sin­ne des Kre­dit­we­sen­ge­set­zes. Ein sol­ches setzt vor­aus, dass frem­de Gel­der von Unter­neh­men von meh­re­ren Geld­ge­bern, die kei­ne Kre­dit­in­sti­tu­te im Sin­ne des § 1 Abs. 1 KWG sind, zur unre­gel­mä­ßi­gen Ver­wah­rung, als Dar­le­hen oder in ähn­li­cher Wei­se ohne Bestel­lung bank­üb­li­cher Sicher­hei­ten und ohne schrift­li­che Ver­ein­ba­rung im Ein­zel­fall lau­fend zur Finan­zie­rung eines auf Gewinn­erzie­lung gerich­te­ten Aktiv­ge­schäfts ent­ge­gen­ge­nom­men werden. 

Die Schuld­ne­rin nahm Gel­der von einer Viel­zahl von Win­zern mit einer Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung und ohne bank­üb­li­che Besi­che­rung lau­fend ent­ge­gen, um damit in ihrem Aktiv­ge­schäft zu wirt­schaf­ten. Indem die Beklag­ten als Orga­ne der Kom­ple­men­tär-GmbH der Schuld­ne­rin Ein­la­gen­ge­schäf­te und damit Bank­ge­schäf­te ohne auf­sichts­be­hörd­li­che Erlaub­nis führ­ten, ver­stie­ßen sie gegen das Kre­dit­we­sen­ge­setz. Sie han­del­ten dabei jeden­falls fahr­läs­sig, denn sie hät­ten sich über etwai­ge Erlaub­nis­er­for­der­nis­se unter­rich­ten müssen. 

Bereits im Jahr 1974 hat­te das Bun­des­auf­sichts­amt für das Kre­dit­we­sen in einem amt­li­chen Schrei­ben zum Ein­la­gen­be­griff im Zusam­men­hang mit „Win­zer­gel­dern“ Stel­lung genom­men. Danach stel­len die im Ver­lauf einer Abrech­nungs­pe­ri­ode geleis­te­ten Zah­lun­gen oder erteil­ten Zwi­schen­ab­rech­nun­gen der Win­zer­ge­nos­sen­schaf­ten bis zur end­gül­ti­gen Jahr­gangs­ab­rech­nung nur Vor­schüs­se auf den end­gül­ti­gen Trau­ben­preis dar. Mit der End­ab­rech­nung wird die Trau­ben­geld­ver­pflich­tung fäl­lig. Wenn ein Win­zer gemäß den Zwi­schen­ab­rech­nun­gen kei­ne Vor­aus­zah­lung ver­langt, kön­nen die nicht in Anspruch genom­me­nen Beträ­ge bis zur End­ab­rech­nung ver­zinst wer­den, ohne dass es sich bei den der­art ent­stan­de­nen „Gut­ha­ben“ der Win­zer um Ein­la­gen im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 KWG handelt. 

Wer­den die mit der End­ab­rech­nung fäl­lig gewor­de­nen Beträ­ge ein­schließ­lich der hin­sicht­lich des jewei­li­gen Jahr­gangs nicht in Anspruch genom­me­nen Vor­schüs­se nicht unver­züg­lich an die Mit­glie­der aus­ge­zahlt, ist die Ver­bind­lich­keit einer Win­zer­ge­nos­sen­schaft gegen­über ihren Mit­glie­dern inso­weit als Ein­la­ge anzusehen. 

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. März 2013 – VI ZR 56/​12

  1. LG Land­au in der Pfalz, Urteil vom 28.04.2011 – 4 O 32/​10; OLG Zwei­brü­cken, Urteil vom 12.01.2012 – 4 U 75/​11[]