Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ist ver­fas­sungs­wid­rig

Die Rege­lun­gen zu den Grund­leis­tun­gen in Form der Geld­leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz sind ver­fas­sungs­wid­rig. Bis zu einer Neu­re­ge­lung, die der Gesetz­ge­ber unver­züg­lich vor­zu­neh­men hat, erhal­ten Asyl­be­wer­ber die glei­chen Leis­tun­gen wie sie im Rah­men von Hartz IV vor­ge­se­hen sind.

Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ist ver­fas­sungs­wid­rig

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat heu­te sein Urteil über die Vor­la­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len zu der Fra­ge ver­kün­det, ob die exis­tenz­si­chern­den Geld­leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz (Asyl­bLG) ver­fas­sungs­ge­mäß sind. Die Rege­lun­gen zu den Grund­leis­tun­gen in Form der Geld­leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz sind mit dem Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG unver­ein­bar. Die Höhe die­ser Geld­leis­tun­gen ist evi­dent unzu­rei­chend, weil sie seit 1993 trotz erheb­li­cher Preis­stei­ge­run­gen in Deutsch­land nicht ver­än­dert wor­den ist. Zudem ist die Höhe der Geld­leis­tun­gen weder nach­voll­zieh­bar berech­net wor­den noch ist eine rea­li­täts­ge­rech­te, am Bedarf ori­en­tier­te und inso­fern aktu­ell exis­tenz­si­chern­de Berech­nung ersicht­lich.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat den Gesetz­ge­ber ver­pflich­tet, unver­züg­lich für den Anwen­dungs­be­reich des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes eine Neu­re­ge­lung zur Siche­rung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums zu tref­fen. Bis zu deren Inkraft­tre­ten hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ange­sichts der exis­tenz­si­chern­den Bedeu­tung der Grund­leis­tun­gen eine Über­gangs­re­ge­lung getrof­fen. Danach ist ab dem 1. Janu­ar 2011 die Höhe der Geld­leis­tun­gen auch im Anwen­dungs­be­reich des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes ent­spre­chend den Grund­la­gen der Rege­lun­gen für den Bereich des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches des Sozi­al­ge­setz­bu­ches (Arbeits­lo­sen­geld II, Sozi­al­hil­fe) zu berech­nen. Dies gilt rück­wir­kend für nicht bestands­kräf­tig fest­ge­setz­te Leis­tun­gen ab 2011 und im Übri­gen für die Zukunft, bis der Gesetz­ge­ber sei­ner Pflicht zur Neu­re­ge­lung nach­ge­kom­men ist.

Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Sozi­al­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 1 GG garan­tiert ein Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums. Die Höhe ent­spre­chen­der Leis­tun­gen muss der Gesetz­ge­ber fest­le­gen. Sie darf nicht evi­dent unzu­rei­chend sein und muss rea­li­täts­ge­recht bestimmt wer­den. Dies war bereits Aus­gangs­punkt der Ent­schei­dung des Ers­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Arbeits­lo­sen­geld II im Febru­ar 2010 [1].

Art. 1 Abs. 1 GG begrün­det den Anspruch auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums als Men­schen­recht. Die­ses Grund­recht steht deut­schen und aus­län­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, die sich in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­hal­ten, glei­cher­ma­ßen zu. Maß­geb­lich für die Bestim­mung ent­spre­chen­der Leis­tun­gen sind die Gege­ben­hei­ten in Deutsch­land, dem Land, in dem die­ses Exis­tenz­mi­ni­mum gewähr­leis­tet sein muss. Das Grund­ge­setz erlaubt es nicht, das in Deutsch­land zu einem men­schen­wür­di­gen Leben Not­wen­di­ge unter Hin­weis auf das Exis­tenz­ni­veau des Her­kunfts­lan­des von Hil­fe­be­dürf­ti­gen oder auf das Exis­tenz­ni­veau in ande­ren Län­dern nied­ri­ger als nach den hie­si­gen Lebens­ver­hält­nis­sen gebo­ten zu bemes­sen. Des­glei­chen erlaubt es die Ver­fas­sung nicht, bei der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen pau­schal nach dem Auf­ent­halts­sta­tus zu dif­fe­ren­zie­ren; der Gesetz­ge­ber muss sich immer kon­kret an dem Bedarf an exis­tenz­not­wen­di­gen Leis­tun­gen ori­en­tie­ren.

Das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums umfasst sowohl die phy­si­sche Exis­tenz des Men­schen als auch die Siche­rung der Mög­lich­keit zur Pfle­ge zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen und ein Min­dest­maß an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Leben; dies sind ein­heit­lich zu sichern­de Bedar­fe. Art. 1 Abs. 1 GG gibt einen sol­chen Leis­tungs­an­spruch dem Grun­de nach vor. Das Sozi­al­staats­ge­bot des Art. 20 Abs. 1 GG hält den Gesetz­ge­ber an, sei­ne kon­kre­te Höhe ent­spre­chend der tat­säch­li­chen exis­tenz­si­chern­den Bedar­fe zeit- und rea­li­täts­ge­recht zu bestim­men.

Im Übri­gen ist der Gesetz­ge­ber auch durch wei­te­re Vor­ga­ben ver­pflich­tet, die sich aus dem Recht der Euro­päi­schen Uni­on und aus Völ­ker­recht erge­ben.

Die Leis­tun­gen zur Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz dür­fen nicht evi­dent unzu­rei­chend sein und müs­sen zur Kon­kre­ti­sie­rung des grund­recht­li­chen Anspruchs fol­ge­rich­tig in einem inhalt­lich trans­pa­ren­ten und sach­ge­rech­ten Ver­fah­ren nach dem tat­säch­li­chen und jeweils aktu­el­len Bedarf, also rea­li­täts­ge­recht, begrün­det wer­den kön­nen. Die­se Anfor­de­run­gen bezie­hen sich nicht auf das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren, son­dern des­sen Ergeb­nis­se. Das Grund­ge­setz lässt Raum für Ver­hand­lun­gen und poli­ti­schen Kom­pro­miss. Es schreibt kei­ne bestimm­te Metho­de zur Ermitt­lung der Bedar­fe und zur Berech­nung der Leis­tun­gen vor, wodurch der dem Gesetz­ge­ber zuste­hen­de Gestal­tungs­spiel­raum begrenzt wür­de. Wer­den jedoch hin­sicht­lich bestimm­ter Per­so­nen­grup­pen unter­schied­li­che Metho­den zugrun­de gelegt, muss dies sach­lich zu recht­fer­ti­gen sein. Zudem sind die Leis­tun­gen zur Exis­tenz­si­che­rung fort­wäh­rend zu über­prü­fen und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Ob und in wel­chem Umfang der Bedarf an exis­tenz­not­wen­di­gen Leis­tun­gen für Men­schen mit nur vor­über­ge­hen­dem Auf­ent­halts­recht in Deutsch­land gesetz­lich abwei­chend von dem gesetz­lich bestimm­ten Bedarf ande­rer Hil­fe­be­dürf­ti­ger bestimmt wer­den kann, hängt folg­lich allein davon ab, ob wegen eines nur kurz­fris­ti­gen Auf­ent­halts kon­kre­te Min­der­be­dar­fe gegen­über Hil­fe­emp­fan­gen­den mit Dau­er­auf­ent­halts­recht nach­voll­zieh­bar fest­ge­stellt und bemes­sen wer­den kön­nen. Las­sen sich tat­säch­lich spe­zi­fi­sche Min­der­be­dar­fe bei einem nur kurz­fris­ti­gen, nicht auf Dau­er ange­leg­ten Auf­ent­halt fest­stel­len, und will der Gesetz­ge­ber das bei der Leis­tungs­hö­he berück­sich­ti­gen, muss er die­se Grup­pe so defi­nie­ren, dass sie hin­rei­chend zuver­läs­sig tat­säch­lich nur die­je­ni­gen erfasst, die sich kurz­fris­tig in Deutsch­land auf­hal­ten. Eine Ori­en­tie­rung kann der Auf­ent­halts­sta­tus sein, doch sind stets die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se zu berück­sich­ti­gen. Zudem ist eine Beschrän­kung auf etwai­ge Min­der­be­dar­fe für Kurz­auf­ent­hal­te jeden­falls dann nicht mehr gerecht­fer­tigt, wenn der tat­säch­li­che Auf­ent­halt deut­lich län­ger dau­ert.

Dem Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers bei der Bemes­sung des Exis­tenz­mi­ni­mums ent­spricht eine zurück­hal­ten­de Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Die mate­ri­el­le Kon­trol­le beschränkt sich dar­auf, ob die Leis­tun­gen evi­dent unzu­rei­chend sind; jen­seits die­ser Evi­denz­kon­trol­le über­prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, ob Leis­tun­gen jeweils aktu­ell auf der Grund­la­ge ver­läss­li­cher Zah­len und schlüs­si­ger Berech­nungs­ver­fah­ren zu recht­fer­ti­gen sind.

Nach die­sen Grund­sät­zen genü­gen die vor­ge­leg­ten Vor­schrif­ten den Vor­ga­ben des Grund­rechts auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums nicht.

Die in § 3 Asyl­bLG fest­ge­leg­ten Geld­leis­tun­gen sind evi­dent unzu­rei­chend. Ihre Höhe ist seit 1993 nicht ver­än­dert wor­den, obwohl das Preis­ni­veau in Deutsch­land seit die­sem Jahr um mehr als 30 % gestie­gen ist. Der Gesetz­ge­ber hat­te damals in § 3 Abs. 3 Asyl­bLG einen Anpas­sungs­me­cha­nis­mus vor­ge­se­hen, wonach die Leis­tungs­sät­ze regel­mä­ßig an die Lebens­hal­tungs­kos­ten anzu­glei­chen sind. Eine Anpas­sung ist jedoch nie erfolgt. Dass die Höhe der Geld­leis­tun­gen heu­te evi­dent unzu­rei­chend ist, zeigt sich bei­spiels­wei­se auch an den Leis­tun­gen für einen erwach­se­nen Haus­halts­vor­stand im Ver­gleich mit der aktu­el­len Leis­tungs­hö­he des all­ge­mei­nen Für­sor­ge­rechts des Zwei­ten und des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch, deren Höhe in jüngs­ter Zeit gera­de zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums neu fest­ge­legt wur­de. Zwar sind sie nicht unmit­tel­bar ver­gleich­bar, jedoch ergibt sich auch bei einer berei­nig­ten Berech­nung eine Dif­fe­renz von etwa einem Drit­tel und damit ein offen­sicht­li­ches Defi­zit in der Siche­rung der men­schen­wür­di­gen Exis­tenz.

Die Grund­leis­tun­gen in Form der Geld­leis­tun­gen sind außer­dem nicht rea­li­täts­ge­recht und begründ­bar bemes­sen. Der Bestim­mung der Leis­tungs­hö­he lagen damals und lie­gen auch heu­te kei­ne ver­läss­li­chen Daten zugrun­de. Die Gesetz­ge­bung hat­te sich damals auf eine blo­ße Kos­ten­schät­zung gestützt; auch jetzt sind kei­ne nach­voll­zieh­ba­ren Berech­nun­gen vor­ge­legt wor­den oder ersicht­lich. Das steht mit den Anfor­de­run­gen des Grund­ge­set­zes an die Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz nicht in Ein­klang.

Den Geset­zes­ma­te­ria­li­en las­sen sich kei­ne Hin­wei­se auf eine Bemes­sung der Höhe der Geld­leis­tun­gen ent­neh­men. Weder ist ersicht­lich, wel­che Bedar­fe bei kurz­fris­ti­gem Auf­ent­halt kon­kret exis­tie­ren noch ist bei­spiels­wei­se für min­der­jäh­ri­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ermit­telt wor­den, wel­che beson­de­ren kin­der- und alters­spe­zi­fi­schen Bedar­fe bestehen. Die Mate­ria­li­en wei­sen ledig­lich die Beträ­ge aus, die nach dem Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung aus­rei­chen sol­len, um einen unter­stell­ten Bedarf zu decken. Auch die dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ersicht­lich zugrun­de lie­gen­de Annah­me, dass eine kur­ze Auf­ent­halts­dau­er die begrenz­te Leis­tungs­hö­he recht­fer­tigt, bleibt ohne hin­rei­chend ver­läss­li­che Grund­la­ge. Über­dies fehlt es an einer inhalt­lich trans­pa­ren­ten Dar­le­gung dazu, dass sich die vom Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz erfass­ten Leis­tungs­be­rech­tig­ten typi­scher­wei­se nur für kur­ze Zeit in Deutsch­land auf­hal­ten. Der Anwen­dungs­be­reich des Geset­zes ist seit 1993 mehr­fach erwei­tert wor­den und umfasst heu­te Men­schen mit sehr unter­schied­li­chem Auf­ent­halts­sta­tus; sie hal­ten sich über­wie­gend bereits län­ger als sechs Jah­re in Deutsch­land auf. Eine kur­ze Auf­ent­halts­dau­er oder Auf­ent­halts­per­spek­ti­ve in Deutsch­land recht­fer­tigt es im Übri­gen auch nicht, den Anspruch auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums auf die Siche­rung der phy­si­schen Exis­tenz zu beschrän­ken, denn das Grund­ge­setz ent­hält eine ein­heit­li­che Leis­tungs­ga­ran­tie, die auch das sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz­mi­ni­mum umfasst. Die men­schen­wür­di­ge Exis­tenz muss ab Beginn des Auf­ent­halts in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gesi­chert wer­den.

Auch migra­ti­ons­po­li­ti­sche Erwä­gun­gen, die Leis­tun­gen an Asyl­be­wer­be­rin­nen und Asyl­be­wer­ber sowie Flücht­lin­ge nied­rig zu hal­ten, um Anrei­ze für Wan­de­rungs­be­we­gun­gen durch ein im inter­na­tio­na­len Ver­gleich even­tu­ell hohes Leis­tungs­ni­veau zu ver­mei­den, kön­nen von vorn­her­ein kein Absen­ken des Leis­tungs­stan­dards unter das phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz­mi­ni­mum recht­fer­ti­gen. Die Men­schen­wür­de ist migra­ti­ons­po­li­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren.

Aus der Über­gangs­re­ge­lung folgt bei­spiels­wei­se für einen Haus­halts­vor­stand jen­seits der vor­ran­gi­gen Ver­sor­gung mit Sach­leis­tun­gen eine deut­lich höhe­re Geld­leis­tung als bis­her. Zur Siche­rung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums ist dann im Jahr 2011 anstel­le von Sach­leis­tun­gen für einen Monat von einer Geld­leis­tung in Höhe von 206 € und einem zusätz­li­chen Geld­be­trag für die per­sön­li­chen Bedürf­nis­se des täg­li­chen Lebens in Höhe von 130 € aus­zu­ge­hen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 18. Juli 2012 – 1 BvL 10/​10 und 1 BvL 2/​11

  1. BVerfGE 125, 175[]