Die Fir­ma als Unter­neh­mens­kenn­zei­chen – Schutz und Ver­wir­kung

Die all­ge­mei­nen Grund­sät­ze über die Ver­wir­kung von Ansprü­chen (§ 21 Abs. 4 Mar­kenG in Ver­bin­dung mit § 242 BGB) sind bei der Durch­set­zung von Ansprü­chen aus einem Unter­neh­mens­kenn­zei­chen neben der Rege­lung über die Anspruchs­ver­wir­kung in § 21 Abs. 2 Mar­kenG anwend­bar.

Die Fir­ma als Unter­neh­mens­kenn­zei­chen – Schutz und Ver­wir­kung

Nach der Vor­schrift des § 21 Abs. 2 Mar­kenG hat der Inha­ber einer geschäft­li­chen Bezeich­nung nicht das Recht, die Benut­zung einer geschäft­li­chen Bezeich­nung mit jün­ge­rem Zeitrang zu unter­sa­gen, soweit er die Benut­zung die­ses Rechts wäh­rend eines Zeit­raums von fünf auf­ein­an­der­fol­gen­den Jah­ren in Kennt­nis die­ser Benut­zung gedul­det hat, es sei denn, dass der Inha­ber die­ses Rechts im Zeit­punkt des Rechts­er­werbs bös­gläu­big war. Einer Kennt­nis steht es gleich, wenn sich der Inha­ber des älte­ren Kenn­zei­chen­rechts einer Kennt­nis­nah­me ver­schließt. Dage­gen reicht grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis nicht aus [1].

Für die Fra­ge, ob die Kennt­nis­nah­me einer Mit­ar­bei­te­rin im Rah­men des § 21 Abs. 2 Mar­kenG zuge­rech­net wer­den kannm kommt die Anwen­dung der Grund­sät­ze über die Wis­sens­zu­rech­nung ana­log § 166 Abs. 1 BGB in Betracht. Danach ist Wis­sens­ver­tre­ter jede Per­son, die nach der Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on des Geschäfts­herrn dazu beru­fen ist, im Rechts­ver­kehr als des­sen Reprä­sen­tant bestimm­te Auf­ga­ben in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu erle­di­gen und die dabei anfal­len­den Infor­ma­tio­nen zur Kennt­nis zu neh­men und wei­ter­zu­ge­ben [2]. Es ist daher zu beur­tei­len, ob die Mit­ar­bei­te­rin eine ent­spre­chen­de Posi­ti­on inne hal­te.

Dar­über hin­aus ist auch zu prü­fen, ob dem Beklag­ten­vor­trag hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te für die Annah­me zu ent­neh­men sind, dass sich dem Klä­ger die Zei­chen­nut­zung durch die Beklag­te hät­te auf­drän­gen müs­sen und er sich somit einer offen­kun­di­gen Tat­sa­che treu­wid­rig ver­schlos­sen hat.

Ver­wir­kung nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen

Dar­über­hin kommt auch die Ver­wir­kung des Unter­las­sungs­an­spruchs des Klä­gers nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen gemäß § 21 Abs. 4 Mar­kenG in Ver­bin­dung mit § 242 BGB in Betracht.

Nach § 21 Abs. 4 Mar­kenG las­sen die Absät­ze 1 bis 3 die­ser Vor­schrift die Anwen­dung all­ge­mei­ner Grund­sät­ze über die Ver­wir­kung von Ansprü­chen unbe­rührt. Die­se all­ge­mei­nen Ver­wir­kungs­grund­sät­ze sind neben der Rege­lung über die Anspruchs­ver­wir­kung in § 21 Abs. 2 Mar­kenG anwend­bar.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat aller­dings aus­ge­spro­chen, dass Art. 9 der Richt­li­nie 89/​104/​EWG eine umfas­sen­de Har­mo­ni­sie­rung der Vor­aus­set­zun­gen vor­nimmt, unter denen der Inha­ber einer jün­ge­ren ein­ge­tra­ge­nen Mar­ke unter dem Gesichts­punkt der Ver­wir­kung durch Dul­dung sein Recht an die­ser Mar­ke behal­ten kann, wenn der Inha­ber einer iden­ti­schen älte­ren Mar­ke die Ungül­tig­erklä­rung bean­tragt oder der Benut­zung die­ser jün­ge­ren Mar­ke ent­ge­gen­tritt [3]. Im Schrift­tum wird vor die­sem Hin­ter­grund der Stand­punkt ver­tre­ten, auf­grund der mit Art. 9 Mar­kenRL ange­streb­ten Voll­har­mo­ni­sie­rung sei für eine Anwen­dung der in § 21 Abs. 4 Mar­kenG in Bezug genom­me­nen all­ge­mei­nen Ver­wir­kungs­grund­sät­ze des deut­schen Rechts kein Raum, soweit § 21 Mar­kenG in Art. 9 Mar­kenRL vor­ge­ge­be­ne Tat­be­stän­de umsetzt [4].

Vor­lie­gend bedarf die­se Fra­ge kei­ner Ent­schei­dung. Im Streit­fall steht die Durch­set­zung von Ansprü­chen aus einem Unter­neh­mens­kenn­zei­chen in Rede, die nicht in den durch die Mar­ken­rechts­richt­li­nie har­mo­ni­sier­ten Bereich fällt [5].

Für die Ver­wir­kung eines kenn­zei­chen­recht­li­chen Anspruchs nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen (§ 21 Abs. 4 Mar­kenG in Ver­bin­dung mit § 242 BGB) kommt es dar­auf an, ob durch eine län­ger­dau­ern­de red­li­che und unge­stör­te Benut­zung eines Kenn­zei­chens ein Zustand geschaf­fen wor­den ist, der für den Benut­zer einen beacht­li­chen Wert hat, der ihm nach Treu und Glau­ben erhal­ten blei­ben muss und den auch der Ver­letz­te ihm nicht strei­tig machen kann, wenn er durch sein Ver­hal­ten die­sen Zustand erst ermög­licht hat. Eine fes­te zeit­li­che Gren­ze der Benut­zungs­dau­er besteht nicht. Maß­geb­lich sind viel­mehr die Umstän­de des Ein­zel­falls, da die ein­zel­nen Vor­aus­set­zun­gen des Ver­wir­kungs­ein­wands in enger Wech­sel­wir­kung zuein­an­der ste­hen [6]. Eine Kennt­nis von der Ver­let­zung ist nicht erfor­der­lich. Den Zei­chen­in­ha­ber trifft eine Markt­be­ob­ach­tungs­pflicht [7]. Kennt­nis oder fahr­läs­si­ge Unkennt­nis des Kenn­zei­chen­in­ha­bers von der Ver­let­zung kön­nen sich bei der Bestim­mung der für eine Ver­wir­kung ange­mes­se­nen Zeit­dau­er der Benut­zung zuguns­ten des Ver­let­zers aus­wir­ken [8]. Die zwi­schen den ein­zel­nen Vor­aus­set­zun­gen der Ver­wir­kung bestehen­de Wech­sel­wir­kung führt dazu, dass an den Umfang und die Bedeu­tung eines Besitz­stands umso gerin­ge­re Anfor­de­run­gen zu stel­len sind, je schutz­wür­di­ger das Ver­trau­en des Ver­let­zers in sei­ne Berech­ti­gung ist [9]. Bei der Fra­ge, wann die für das Zeit­mo­ment maß­geb­li­che Frist zu lau­fen beginnt, ist zwi­schen Ein­zel- und Dau­er­hand­lun­gen zu dif­fe­ren­zie­ren. Wie­der­hol­te gleich­ar­ti­ge Ver­let­zungs­hand­lun­gen, die zeit­lich unter­bro­chen auf­tre­ten kön­nen, lösen jeweils einen neu­en Unter­las­sungs­an­spruch aus und las­sen daher die für die Beur­tei­lung des Zeit­mo­ments maß­geb­li­che Frist jeweils neu begin­nen [10]. Hin­ge­gen ist bei Dau­er­hand­lun­gen etwa der Nut­zung einer Bezeich­nung als Name eines Unter­neh­mens oder einer Inter­net-Domain auf den Beginn der erst­ma­li­gen Benut­zung abzu­stel­len [11].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Novem­ber 2015 – I ZR 50/​14

  1. Hacker in Ströbele/​Hacker, Mar­ken­ge­setz, 11. Aufl., § 21 Rn.20; Kochen­dör­fer, WRP 2005, 157, 163 f.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 24.01.1992 – V ZR 262/​90, BGHZ 117, 104, 106; Palandt/​Heinrichs, BGB, 75. Aufl., § 166 Rn. 6[]
  3. EuGH, Urteil vom 22.09.2011 C482/​09, Slg. 2011, I8701 = GRUR 2012, 519 Rn. 33 Bud­wei­ser[]
  4. Hacker in Ströbele/​Hacker aaO § 21 Rn. 72 f.; Schalk in Büscher/​Dittmer/​Schiwy aaO § 21 Mar­kenG Rn. 1; Koch, GRUR 2012, 1092, 1094 f.; Palzer/​Preisendanz, EuZW 2012, 134, 138 f.; Mül­ler, WRP 2013, 1301, 1305 f.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 14.04.2011 – I ZR 41/​08, GRUR 2011, 623 Rn. 58 = WRP 2011, 886 – Peek & Clop­pen­burg[]
  6. BGH, Urteil vom 23.09.1992 – I ZR 251/​90, GRUR 1993, 151, 153 = WRP 1993, 101 Uni­ver­si­tätsem­blem, inso­weit nicht in BGHZ 119, 237; Urteil vom 28.09.2011 – I ZR 188/​09, GRUR 2012, 534 Rn. 50 = WRP 2012, 1271 Land­gut Bor­sig[]
  7. BGH, Urteil vom 10.11.1965 Ib ZR 101/​63, GRUR 1966, 623, 626 Kup­fer­berg; Urteil vom 02.02.1989 – I ZR 183/​86, GRUR 1989, 449, 452 = WRP 1989, 717 Mari­tim; Hacker in Ströbele/​Hacker aaO § 21 Rn. 50[]
  8. Hacker in Ströbele/​Hacker aaO § 21 Rn. 59[]
  9. BGH, GRUR 1993, 151, 153 Uni­ver­si­tätsem­blem[]
  10. BGH, Urteil vom 18.01.2012 – I ZR 17/​11, GRUR 2012, 928 Rn. 22 = WRP 2012, 1104 Hon­da-Grau­im­port[]
  11. BGH, Urteil vom 15.08.2013 – I ZR 188/​11, BGHZ 198, 159 Rn. 24, 29 Hard Rock Café[]