AdV — wegen möglicher Unionsrechtswidrigkeit

Eine Aus­set­zung der Vol­lziehung eines Umsatzs­teuerbeschei­des ist auch möglich, wenn ern­stliche Zweifel an der Vere­in­barkeit ein­er Vorschrift des Umsatzs­teuerge­set­zes mit dem Union­srecht beste­hen.

AdV — wegen möglicher Unionsrechtswidrigkeit

Nach § 128 Abs. 3 i.V.m. § 69 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 der Finanzgericht­sor­d­nung (FGO) ist die Vol­lziehung eines ange­focht­e­nen Ver­wal­tungsak­tes ganz oder teil­weise auszuset­zen, wenn ern­stliche Zweifel an der Recht­mäßigkeit dieses Ver­wal­tungsak­tes beste­hen.

Ern­stliche Zweifel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO liegen dann vor, wenn bei sum­marisch­er Prü­fung des ange­focht­e­nen Beschei­ds neben für seine Recht­mäßigkeit sprechen­den Umstän­den gewichtige Gründe zutage treten, die Unentsch­ieden­heit oder Unsicher­heit in der Beurteilung von Rechts­fra­gen oder Unklarheit in der Beurteilung entschei­dungser­he­blich­er Tat­fra­gen bewirken1. Die Entschei­dung hierüber erge­ht bei der im AdV-Ver­fahren gebote­nen sum­marischen Prü­fung auf­grund des Sachver­halts, der sich aus dem Vor­trag der Beteiligten und der Akten­lage ergibt2. Zur Gewährung der AdV ist es nicht erforder­lich, dass die für die Rechtswidrigkeit sprechen­den Gründe im Sinne ein­er Erfol­gswahrschein­lichkeit über­wiegen3.

Gemessen daran beste­hen nach mit­tler­weile ständi­ger Recht­sprechung des Bun­des­fi­nanzhofs4 ern­stliche Zweifel an der Recht­mäßigkeit von Umsatzs­teuer-Änderungs­beschei­den, die auf § 27 Abs.19 UStG gestützt sind. Der Bun­des­fi­nanzhof ver­weist zur weit­eren Begrün­dung auf seine Aus­führun­gen im BFH, Beschluss in BFHE 252, 181, BSt­Bl II 2016, 192, an denen er fes­thält. Der vom Finan­zamt her­vorge­hobene Umstand, dass das Urteil des Nieder­säch­sis­chen Finanzgericht in EFG 2016, 338 recht­skräftig gewor­den ist, ändert nichts daran, dass die sich stel­len­den Rechts­fra­gen höch­strichter­lich ungek­lärt sind und in Recht­sprechung und Lit­er­atur zur Vere­in­barkeit des § 27 Abs.19 Satz 2 UStG mit Ver­fas­sungsrecht und Union­srecht unter­schiedliche Auf­fas­sun­gen vertreten wer­den.

Dabei st auch kein beson­deres Aus­set­zungsin­ter­esse erforder­lich.

Zwar ist nach der Recht­sprechung des Bun­des­fi­nanzhofs5 bei ern­stlichen Zweifeln an der Ver­fas­sungsmäßigkeit eines formell ord­nungs­gemäß zus­tande gekomme­nen Geset­zes ein beson­deres berechtigtes Inter­esse an der AdV erforder­lich. Der Bun­des­fi­nanzhof ist dieser Recht­sprechung bish­er gefol­gt6.

Ob an dieser Recht­sprechung weit­er festzuhal­ten ist, wird von mehreren Sen­at­en des Bun­des­fi­nanzhofs offen gelassen7.

Ob die ange­führte Recht­sprechung des Bun­des­fi­nanzhofs mit dem Grund­satz der Gewährung effek­tiv­en Rechtss­chutzes vere­in­bar ist, hat das Bun­desver­fas­sungs­gericht zulet­zt aus­drück­lich offen gelassen8.

Es bedarf vor­liegend kein­er Entschei­dung darüber, ob an dieser Recht­sprechung weit­er festzuhal­ten ist. Das Finanzgericht hat näm­lich zu Recht betont, dass außer­dem ern­stliche Zweifel an der Vere­in­barkeit des § 27 Abs.19 Satz 2 UStG mit Union­srecht beste­hen. Jeden­falls dann, wenn es um die Vere­in­barkeit einzel­ner Steuer­recht­snor­men mit Union­srecht geht9, ist nach der ständi­gen Recht­sprechung des Bun­des­fi­nanzhofs kein beson­deres Aus­set­zungsin­ter­esse erforder­lich; es wird von den Umsatzs­teuerse­n­at­en des Bun­des­fi­nanzhofs noch nicht ein­mal geprüft10. Auf ein beson­deres Aus­set­zungsin­ter­esse kommt es deshalb auch vor­liegend nicht an11.

Bun­des­fi­nanzhof, Beschluss vom 31. März 2016 — XI B 13/16

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüsse vom 26.09.2014 — XI S 14/14, BFH/NV 2015, 158, Rz 33; vom 20.01.2015 — XI B 112/14, BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jew­eils m.w.N. []
  2. vgl. z.B. BFH, Beschlüsse in BFH/NV 2015, 158, Rz 33; in BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jew­eils m.w.N. []
  3. ständi­ge Recht­sprechung, vgl. z.B. BFH, Beschlüsse vom 03.04.2013 — V B 125/12, BFHE 240, 447, BSt­Bl II 2013, 973, Rz 12; vom 11.07.2013 — XI B 41/13, BFH/NV 2013, 1647, Rz 16; in BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jew­eils m.w.N. []
  4. vgl. BFH, Beschlüsse in DStR 2016, 239; vom 27.01.2016 — V B 87/15, DStR 2016, 470 []
  5. vgl. BFH, Beschlüsse vom 10.02.1984 — III B 40/83, BFHE 140, 396, BSt­Bl II 1984, 454; vom 01.04.2010 — II B 168/09, BFHE 228, 149, BSt­Bl II 2010, 558; vom 09.03.2012 — VII B 171/11, BFHE 236, 206, BSt­Bl II 2012, 418; vom 15.04.2014 — II B 71/13, BFH/NV 2015, 7 []
  6. beja­hend aus früher­er Zeit z.B. BFH, Beschlüsse vom 27.08.2002 — XI B 94/02, BFHE 199, 566, BSt­Bl II 2003, 18; vom 07.07.2004 — XI B 231/02, BFH/NV 2005, 178 []
  7. vgl. BFH, Beschlüsse vom 02.08.2007 — IX B 92/07, BFH/NV 2007, 2270; vom 25.08.2009 — VI B 69/09, BFHE 226, 85, BSt­Bl II 2009, 826; vom 09.05.2012 — I B 18/12, BFH/NV 2012, 1489; s. zur abnehmenden Bedeu­tung staatlich­er Haushaltsin­ter­essen auch BFH, Beschluss vom 21.05.2010 — IV B 88/09, BFH/NV 2010, 1613, Rz 17 []
  8. vgl. BVer­fG, Beschlüsse vom 24.10.2011 1 BvR 1848/111 BvR 2162/11, NJW 2012, 372; vom 06.05.2013 — 1 BvR 821/13, HFR 2013, 639, Rz 7 []
  9. vgl. zur Abgren­zung BFH, Beschluss vom 25.11.2014 — VII B 65/14, BFHE 247, 182, BSt­Bl II 2015, 207, Rz 23 ff. []
  10. vgl. dazu z.B. BFH, Beschlüsse vom 05.05.1994 — V S 11/93, BFH/NV 1995, 368; vom 30.11.2000 — V B 187/00, BFH/NV 2001, 657; vom 19.12 2012 — V S 30/12, BFH/NV 2013, 779; vom 12.12 2013 — XI B 88/13, BFH/NV 2014, 550; zur Ertrag­s­teuer s. aus­drück­lich BFH, Beschlüsse vom 24.03.1998 — I B 100/97, BFHE 185, 467, BFH/NV 1998, 1172, unter II. 3., Rz 10; vom 14.02.2006 — VIII B 107/04, BFHE 212, 285, BSt­Bl II 2006, 523, unter II. 1.b, Rz 7 []
  11. vgl. Rauch, HFR 2016, 394 []