Aussetzung der Vollziehung von nach § 27 Abs. 19 UStG geänderten Umsatzsteuerbescheiden

Für den Bun­des­fi­nanzhof beste­hen ern­stliche Zweifel an der Recht­mäßigkeit von gemäß § 27 Abs.19 UStG geän­derten Umsatzs­teuerbeschei­den.

Aussetzung der Vollziehung von nach § 27 Abs. 19 UStG geänderten Umsatzsteuerbescheiden

Nach § 128 Abs. 3 i.V.m. § 69 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 FGO ist die Vol­lziehung eines ange­focht­e­nen Ver­wal­tungsak­tes ganz oder teil­weise auszuset­zen, wenn ern­stliche Zweifel an der Recht­mäßigkeit dieses Ver­wal­tungsak­tes beste­hen.

Ern­stliche Zweifel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO liegen dann vor, wenn bei sum­marisch­er Prü­fung des ange­focht­e­nen Beschei­ds neben für seine Recht­mäßigkeit sprechen­den Umstän­den gewichtige Gründe zutage treten, die Unentsch­ieden­heit oder Unsicher­heit in der Beurteilung von Rechts­fra­gen oder Unklarheit in der Beurteilung entschei­dungser­he­blich­er Tat­fra­gen bewirken1. Die Entschei­dung hierüber erge­ht bei der im AdV-Ver­fahren gebote­nen sum­marischen Prü­fung auf­grund des Sachver­halts, der sich aus dem Vor­trag der Beteiligten und der Akten­lage ergibt2. Zur Gewährung der AdV ist es nicht erforder­lich, dass die für die Rechtswidrigkeit sprechen­den Gründe im Sinne ein­er Erfol­gswahrschein­lichkeit über­wiegen3.

Nach diesen Maßstäben beste­hen im Stre­it­fall ern­stliche Zweifel an der Recht­mäßigkeit der gemäß § 27 Abs.19 UStG geän­derten Umsatzs­teuerbeschei­de:

Die Über­gangsregelung des § 27 Abs. 19 UStG durch Art. 7 Nr. 9 des Geset­zes zur Anpas­sung des nationalen Steuer­rechts an den Beitritt Kroa­t­iens zur EU und zur Änderung weit­er­er steuer­lich­er Vorschriften vom 25.07.20144 mit Wirkung vom 31.07.2014 stellt eine Reak­tion des Geset­zge­bers auf das Urteil des V. Sen­at des Bun­des­fi­nanzhofs in BFHE 243, 20, BSt­Bl II 2014, 128 dar. Sie dient der Regelung der Fälle, in denen sich Bauträger auf das vor­ge­nan­nte BFH-Urteil berufen und die Erstat­tung der entrichteten Umsatzs­teuer beantra­gen.

Ob § 27 Abs.19 Satz 2 UStG den ver­fas­sungsrechtlichen und euro­parechtlichen Vor­gaben genügt, soweit er den Ver­trauenss­chutz nach § 176 Abs. 2 AO auss­chließt, ist höch­strichter­lich noch nicht gek­lärt und umstrit­ten.

Nach Auf­fas­sung des Finanzgerichts Mün­ster5, des Finanzgerichts Berlin-Bran­den­burg6 und des Nieder­säch­sis­chen Finanzgerichts7 ist ern­stlich zweifel­haft, ob die rück­wirk­ende Änderung der Steuer­fest­set­zung beim leis­ten­den Unternehmer unter Sus­pendierung des aus dem Rechtsstaat­sprinzip (Art.20 Abs. 3 GG) abgeleit­eten Ver­trauenss­chutzes gegen das Ver­bot der Rück­wirkung von Geset­zen ver­stößt.

Dage­gen haben das Finanzgericht Nürn­berg8, das Finanzgericht Düs­sel­dorf9, das Hes­sis­che Finanzgericht10 und das Säch­sis­che Finanzgericht11 ern­stliche Zweifel an der Recht­mäßigkeit verneint.

Das Finanzgericht Köln hat es in einem § 27 Abs.19 UStG betr­e­f­fend­en AdV, Beschluss offen­ge­lassen, ob es sich den geäußerten ver­fas­sungsrechtlichen Bedenken gegen die Ein­führung dieser Regelung ins­beson­dere wegen Ver­stoßes gegen das Rück­wirkungsver­bot anschließt12.

Angesichts dieser ungek­lärten ‑auch in der Lit­er­atur umstrit­te­nen- Recht­slage war die beantragte AdV zu gewähren.

Denn ist ‑wie hier- die Recht­slage nicht ein­deutig, ist über die zu klären­den Fra­gen grund­sät­zlich nicht im sum­marischen Beschlussver­fahren zu entschei­den; die Klärung muss vielmehr dem Haupt­sachev­er­fahren vor­be­hal­ten bleiben13.

Die Entschei­dung, ob ‑was der Bun­des­fi­nanzhof im Rah­men des sum­marischen Ver­fahrens nicht auss­chließt- das Ver­trauenss­chutzkonzept des § 27 Abs.19 Satz 2 UStG im konkreten Einzelfall den ver­fas­sungsrechtlichen und euro­parechtlichen Vor­gaben genügt, den Ver­trauenss­chutz nach § 176 Abs. 2 AO zu sus­pendieren, wenn dem Bauleis­ten­den kein Ver­mö­genss­chaden dro­ht, d.h. wenn er dem Leis­tungsempfänger die Umsatzs­teuer nach­berech­nen und dem Finan­zamt den zivil­rechtlichen Anspruch abtreten kann, ist mithin dem Haupt­sachver­fahren ein­er noch zu erheben­den Klage vor­be­hal­ten14.

Die zu gewährende AdV war im hier entsch­iede­nen Fall auch nicht von ein­er Sicher­heit­sleis­tung abhängig zu machen. Nach § 69 Abs. 2 Satz 3 FGO kann die Aus­set­zung von ein­er Sicher­heit­sleis­tung abhängig gemacht wer­den. Die Vol­lziehung eines ange­focht­e­nen Steuerbeschei­ds ist regelmäßig ohne Sicher­heit­sleis­tung auszuset­zen, wenn seine Recht­mäßigkeit ern­stlich zweifel­haft ist und keine konkreten Anhalt­spunk­te dafür beste­hen, dass bei einem Unter­liegen der Antrag­stel­lerin im Haupt­sachev­er­fahren die Durch­set­zung des Steuer­anspruchs gefährdet wäre15. Eine Gefährdung der umstrit­te­nen Umsatzs­teuer­ansprüche war wed­er vom Finan­zamt vor­ge­tra­gen noch son­st ersichtlich.

Bun­des­fi­nanzhof, Beschluss vom 17. Dezem­ber 2015 — XI B 84/15

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüsse vom 26.09.2014 — XI S 14/14, BFH/NV 2015, 158, Rz 33; vom 20.01.2015 — XI B 112/14, BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jew­eils m.w.N. []
  2. vgl. z.B. BFH, Beschlüsse in BFH/NV 2015, 158, Rz 33; in BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jew­eils m.w.N. []
  3. ständi­ge Recht­sprechung; vgl. z.B. BFH, Beschlüsse vom 03.04.2013 — V B 125/12, BFHE 240, 447, BSt­Bl II 2013, 973, Rz 12; vom 11.07.2013 — XI B 41/13, BFH/NV 2013, 1647, Rz 16; in BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jew­eils m.w.N. []
  4. BGBl I 2014, 1266 []
  5. FG Mün­ster, Beschlüsse vom 12.08.2015 — 15 — V 2153/15 U, EFG 2015, 1863, Rz 23; in EFG 2015, 2129, Rz 30 []
  6. FG Berlin-Bran­den­burg, Beschluss vom 03.06.2015 — 5 — V 5026/15, EFG 2015, 1490, Rz 11 []
  7. Nds. FG, Beschlüsse vom 03.07.2015 — 16 — V 95/15, Mehrw­ert­s­teuer­recht 2015, 655, Rz 15; vom 20.07.2015 16 — V 132/15; und 16 — V 135/15 []
  8. FG Nürn­berg, Beschluss vom 26.08.2015 — 2 — V 1107/15, EFG 2015, 2135, Rz 14 []
  9. FG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 31.08.2015 — 1 — V 1486/15 A(U), EFG 2015, 2131, Rz 50 f. []
  10. Hess. FG, Beschluss vom 13.10.2015 — 1 — V 1483/15 []
  11. Säch­sis­ches FG, Beschluss vom 22.09.2015 — 4 — V 1014/15 []
  12. FG Köln, Beschluss in EFG 2015, 2005, Rz 45 []
  13. vgl. BFH, Beschlüsse vom 14.10.2002 — V B 60/02, BFH/NV 2003, 87, unter II. 3., Rz 17; vom 25.11.2005 — V B 75/05, BFHE 212, 176, BSt­Bl II 2006, 484, unter II. 3.b, Rz 26; vom 13.03.2012 — I B 111/11, BFHE 236, 501, BSt­Bl II 2012, 611, Rz 22; vom 12.12 2013 — XI B 88/13, BFH/NV 2014, 550, Rz 26; vom 02.07.2014 — XI S 8/14, BFH/NV 2014, 1601, Rz 31; jew­eils m.w.N. []
  14. so zutr­e­f­fend FG Mün­ster in EFG 2015, 1863, Rz 26 []
  15. vgl. dazu BFH, Beschlüsse vom 12.09.2011 — VIII B 70/09, BFH/NV 2012, 229, Rz 21; vom 21.11.2013 — II B 46/13, BFHE 243, 162, BSt­Bl II 2014, 263, Rz 28; vom 18.12 2013 — I B 85/13, BFHE 244, 320, BSt­Bl II 2014, 947, Rz 37; jew­eils m.w.N. []