Geo­gra­phi­scher Her­kunfts­an­ga­be – und ihre wett­be­werbs­recht­li­che Rele­vanz

Eine Irre­füh­rung durch eine geo­gra­phi­sche Her­kunfts­an­ga­be im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 UWG ist in der Regel wett­be­werbs­recht­lich rele­vant, weil es sich um ein wesent­li­ches werb­li­ches Kenn­zeich­nungs­mit­tel han­delt.

Geo­gra­phi­scher Her­kunfts­an­ga­be – und ihre wett­be­werbs­recht­li­che Rele­vanz

Die Fra­ge, ob der Ver­kehr in einer aus­län­di­schen Pro­dukt­auf­ma­chung einen Hin­weis auf die ört­li­che Her­kunft des Erzeug­nis­ses aus dem betref­fen­den aus­län­di­schen Staat oder eine Beschaf­fen­heits­an­ga­be in der Wei­se sieht, dass die Ware unter Ver­wen­dung aus­län­di­scher Zuta­ten, Rezep­te oder der­glei­chen her­ge­stellt wor­den ist, liegt im Wesent­li­chen auf tatrich­ter­li­chem Gebiet [1]. Das­sel­be gilt für die hier erheb­li­che Fra­ge, ob der Ver­kehr bei einem als aus­län­di­sche Spe­zia­li­tät ange­bo­te­nen Erzeug­nis annimmt, es wer­de nicht nur im Aus­land her­ge­stellt, son­dern auch unter der Pro­dukt­ver­ant­wor­tung eines Her­stel­lers mit Sitz in dem aus­län­di­schen Staat gefer­tigt. Die­se tatrich­ter­li­che Wür­di­gung ist im Revi­si­ons­ver­fah­ren nur dar­auf zu über­prü­fen, ob das Beru­fungs­ge­richt einen unzu­tref­fen­den recht­li­chen Maß­stab zugrun­de gelegt, bei sei­ner Wür­di­gung gegen Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­sto­ßen oder wesent­li­chen Tat­sa­chen­stoff unbe­rück­sich­tigt gelas­sen hat [2].

Die Annah­me, der Ver­kehr bezie­he die gestal­te­ri­schen Hin­wei­se auf Ita­li­en nur auf eine Her­stel­lung des Brots in die­sem Land, ist nicht erfah­rungs­wid­rig. Die Eigen­hei­ten indus­tri­ell gefer­tig­ter Erzeug­nis­se, zu denen auch die in Rede ste­hen­den, in gro­ßer Men­ge pro­du­zier­ten Bro­te zäh­len, bil­den sich wäh­rend des Fer­ti­gungs­vor­gangs her­aus und nicht durch des­sen Über­wa­chung und Kon­trol­le [3]. Dass das für die Her­stel­lung ver­wen­de­te Rezept von einem in Deutsch­land ansäs­si­gen Unter­neh­men vor­ge­ge­ben wor­den ist, steht der Eigen­schaft des Pia­di­na-Brots als einer aus Ita­li­en stam­men­den Spe­zia­li­tät nicht ent­ge­gen. Die cha­rak­te­ris­ti­schen Eigen­schaf­ten eines sol­chen Brots wer­den zwar durch die ver­wen­de­te Rezep­tur beein­flusst. Das Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Main ist vor­lie­gend aber rechts­feh­ler­frei davon aus­ge­gan­gen, dass das in Rede ste­hen­de Brot nach einem ita­lie­ni­schen Rezept her­ge­stellt wor­den ist. Die Beklag­te hat vor­ge­tra­gen, es sei eine ita­lie­ni­sche Rezep­tur für Pia­di­na ver­wen­det wor­den [4] . Die Klä­ge­rin, die für eine Irre­füh­rung durch Ange­bot und Ver­trieb des Brots in der bean­stan­de­ten Ver­pa­ckung dar­le­gungs- und beweis­be­las­tet ist [5], hat für ihre gegen­tei­li­ge Behaup­tung kei­nen Beweis ange­tre­ten.

Eine Irre­füh­rung ist wett­be­werbs­recht­lich rele­vant, wenn die Fehl­vor­stel­lung des ange­spro­che­nen Ver­kehrs für den Kauf­ent­schluss irgend­wie – im Sin­ne einer all­ge­mei­nen Wert­schät­zung – von Bedeu­tung ist, ohne dass es auf beson­de­re Qua­li­täts­er­war­tun­gen ankommt [6]. Eine Irre­füh­rung durch eine geo­gra­phi­sche Her­kunfts­an­ga­be im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 UWG ist in der Regel wett­be­werbs­recht­lich rele­vant, weil es sich dabei um ein wesent­li­ches werb­li­ches Kenn­zeich­nungs­mit­tel han­delt, das der Indi­vi­dua­li­sie­rung der Ware sowie der Her­stel­lung einer Bezie­hung zwi­schen der gekenn­zeich­ne­ten Ware einer­seits und den Qua­li­täts- und Preis­vor­stel­lun­gen der Kun­den ande­rer­seits dient und das des­halb ein für die Kauf­ent­schei­dung des Ver­brau­chers bedeut­sa­mer Infor­ma­ti­ons­trä­ger ist. Es bedarf daher regel­mä­ßig beson­de­rer Grün­de für die Annah­me, dass eine irre­füh­ren­de geo­gra­phi­sche Her­kunfts­an­ga­be für den Kauf­ent­schluss des getäusch­ten Publi­kums ohne Bedeu­tung ist [7].

Einen sol­chen beson­de­ren Grund hat das Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Main zutref­fend ange­nom­men. Es hat aus­ge­führt, der Ver­brau­cher, der sich mit dem Brot auf­grund der „ita­lia­ni­sier­ten“ Auf­ma­chung in der Annah­me befas­se, es han­de­le sich um eine in Ita­li­en her­ge­stell­te Spe­zia­li­tät, wer­de durch den Her­stel­l­er­hin­weis, sofern er ihm eine Pro­duk­ti­on in Deutsch­land ent­neh­me, regel­mä­ßig ent­täuscht und nicht etwa in sei­ner Kauf­ent­schei­dung bestärkt. Das Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Main ist damit davon aus­ge­gan­gen, ein durch den Her­stel­l­er­hin­weis her­vor­ge­ru­fe­ner Irr­tum über die Pro­duk­ti­on des Pia­di­na-Brots in Deutsch­land wir­ke sich auf den Kauf­ent­schluss des Ver­brau­chers regel­mä­ßig nicht posi­tiv son­dern nega­tiv aus. Auf die­ser Grund­la­ge hat das Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Main die wett­be­werbs­recht­li­che Rele­vanz einer sol­chen Irre­füh­rung mit Recht ver­neint.

Aller­dings hat das Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Main erwo­gen, ein Teil des ange­spro­che­nen Ver­kehrs könn­te es bevor­zu­gen, dass ein Pia­di­na-Brot nach ita­lie­ni­schem Rezept in Deutsch­land gefer­tigt wer­de. Ein sol­cher Ver­brau­cher wer­de durch die irr­tüm­li­che Annah­me, das Pro­dukt wer­de im Inland gefer­tigt, in sei­nem Kauf­ent­schluss posi­tiv beein­flusst. Es erschei­ne jedoch wenig wahr­schein­lich, dass sich Ver­brau­cher von der­ar­ti­gen Erwä­gun­gen lei­ten las­sen könn­ten. Jeden­falls sei die­se Gefahr so gering, dass sie ein Ver­bot der Ver­pa­ckung nicht zu recht­fer­ti­gen ver­mö­ge. Dabei sei auch zu berück­sich­ti­gen, dass die Her­stel­ler­an­ga­be im Sin­ne des lebens­mit­tel­recht­li­chen Her­stel­ler­be­griffs objek­tiv rich­tig und mit der Kenn­zeich­nungs­vor­schrift des § 3 Abs. 1 Nr. 2 LMKV ver­ein­bar sei. Die­se Beur­tei­lung hält der recht­li­chen Nach­prü­fung stand.

Das Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Main hat den auf dem Pro­dukt­eti­kett ange­brach­ten Her­stel­l­er­hin­weis zu Recht als gesetz­lich zuläs­si­ge Anga­be ange­se­hen. Nach § 3 Abs. 1 Nr. 2 LMKV dür­fen Lebens­mit­tel in Fer­tig­pa­ckun­gen gewerbs­mä­ßig nur in Ver­kehr gebracht wer­den, wenn der Name oder die Fir­ma und die Anschrift des Her­stel­lers, des Ver­pa­ckers oder eines in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on oder in einem ande­ren Ver­trags­staat des Abkom­mens über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum nie­der­ge­las­se­nen Ver­käu­fers ange­ge­ben sind. Als Her­stel­ler des Lebens­mit­tels ist auch ein Lohn­auf­trag­ge­ber anzu­se­hen, der – etwa durch die Lie­fe­rung der Roh­stof­fe, die Auf­stel­lung der Rezep­tur oder die Über­wa­chung der Her­stel­lungs­tä­tig­keit – auf die Her­stel­lung tat­säch­li­chen Ein­fluss neh­men kann [8]. Auch die Revi­si­on zieht nicht in Zwei­fel, dass die auf dem Pro­dukt­eti­kett aus­ge­wie­se­ne Pani­fi­cio Ita­lia­no Veri­tas GmbH Lohn­auf­trag­ge­be­rin des in Ita­li­en ansäs­si­gen Fer­ti­gungs­un­ter­neh­mens und damit im lebens­mit­tel­recht­li­chen Sinn Her­stel­le­rin der Bro­te ist.

Auch eine gesetz­lich zuläs­si­ge und damit objek­tiv rich­ti­ge Anga­be kann aller­dings irre­füh­rend sein, wenn sie beim ange­spro­che­nen Ver­kehr zu einer Fehl­vor­stel­lung führt, die geeig­net ist, sein Kauf­ver­hal­ten zu beein­flus­sen. In einem sol­chen Fall, in dem die Täu­schung des Ver­kehrs ledig­lich auf einem unrich­ti­gen Ver­ständ­nis einer an sich zutref­fen­den Anga­be beruht, ist für die Anwen­dung der gesetz­li­chen Irre­füh­rungs­tat­be­stän­de jedoch grund­sätz­lich eine höhe­re Irre­füh­rungs­quo­te als im Fall einer Täu­schung mit objek­tiv unrich­ti­gen Anga­ben erfor­der­lich; außer­dem ist eine Inter­es­sen­ab­wä­gung vor­zu­neh­men [9].

Mit die­sen Grund­sät­zen steht die Beur­tei­lung des Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Mains in Ein­klang. Es hat die Gefahr einer wett­be­werbs­recht­lich rele­van­ten Irre­füh­rung als gering bewer­tet, weil allen­falls ein klei­ner Teil der Ver­brau­cher eine ita­lie­ni­sche Spe­zia­li­tät bevor­zugt, wenn sie in Deutsch­land her­ge­stellt wor­den ist. Selbst wenn, wie die Revi­si­on aus­führt, Ver­brau­cher im Inter­es­se des Umwelt­schut­zes oder zur Siche­rung hei­mi­scher Arbeits­plät­ze zuneh­mend lokal oder regio­nal her­ge­stell­te Pro­duk­te bevor­zu­gen soll­ten, ist nichts dafür ersicht­lich, ob und in wel­chem Umfang die­se Ent­wick­lung bei der Kauf­ent­schei­dung für ein als ita­lie­ni­sche Spe­zia­li­tät ver­kauf­tes Pro­dukt rele­vant wird. Jeden­falls ersetzt die Revi­si­on mit die­sen Erwä­gun­gen die tatrich­ter­li­che Bewer­tung in revi­si­ons­recht­lich unzu­läs­si­ger Wei­se durch ihre eige­ne Sicht­wei­se, ohne einen Rechts­feh­ler des Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Mains auf­zu­zei­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Juli 2015 – I ZR 250/​12

  1. vgl. BGH, Urteil vom 19.05.1965 – Ib ZR 36/​63, GRUR 1965, 681, 682 = WRP 1965, 371 – de Paris[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 06.11.2013 – I ZR 104/​12, GRUR 2014, 88 Rn. 31 = WRP 2014, 57Ver­mitt­lung von Net­to-Poli­cen, mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 27.11.2014 – I ZR 16/​14, GRUR-RR 2015, 209 Rn. 15, 18 = WRP 2015, 452 KONDOME Made in Ger­ma­ny[]
  4. vgl. OLG Frankfurt/​Main, Urteil vom 08.11.2012 – 6 U 27/​11[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 19.09.1996 – I ZR 124/​94, GRUR 1997, 229, 230 = WRP 1997, 183 – Bera­tungs­kom­pe­tenz; Urteil vom 17.02.2000 – I ZR 239/​97, GRUR 2000, 820, 822 = WRP 2000, 724 – Space Fide­li­ty Peep-Show; Urteil vom 19.02.2014, 578 – I ZR 230/​12, GRUR 2014, 578 Rn. 16 = WRP 2014, 697 – Umwelt­engel für Tra­ge­ta­sche[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 29.04.1982 – I ZR 111/​80, GRUR 1982, 564, 566 = WRP 1982, 570 – Elsäs­ser Nudeln; Urteil vom 13.10.1994 – I ZR 96/​92, GRUR 1995, 65, 66 = WRP 1995, 11 Pro­duk­ti­ons­stät­te[]
  7. vgl. BGH, GRUR 1982, 564, 566 – Elsäs­ser Nudeln; Urteil vom 09.04.1987 – I ZR 201/​84, GRUR 1987, 535, 537 = WRP 1987, 625 – Wod­ka Woron­off; BGH, GRUR 1995, 65, 66 – Pro­duk­ti­ons­stät­te; Born­kamm in Köhler/​Bornkamm, UWG, 33. Aufl., § 5 Rn.02.183 f.[]
  8. vgl. Rath­ke in Zipfel/​Rathke, Lebens­mit­tel­recht, C 110, § 3 LMKV Rn. 11 [Stand: Juli 2011][]
  9. vgl. zu § 3 UWG aF BGH, Urteil vom 22.04.1999 – I ZR 108/​97, GRUR 2000, 73, 75 = WRP 1999, 1145 – Tier­heil­prak­ti­ker; zu § 5 UWG BGH, Urteil vom 18.03.2010 – I ZR 172/​08, GRUR 2010, 1024 Rn. 25 = WRP 2010, 1390 Mas­ter of Sci­ence Kie­fer­or­tho­pä­die[]