Vorsteuerabzug bei unrichtigem Steuerausweis — und der Vertrauensschutz bei einer Rechtsprechungsänderung

Nach § 176 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 AO darf bei der Aufhe­bung oder Änderung eines Steuerbeschei­ds nicht zuun­gun­sten des Steuerpflichti­gen berück­sichtigt wer­den, dass sich die Recht­sprechung eines ober­sten Gericht­shofs des Bun­des geän­dert hat, die bei der bish­eri­gen Steuer­fest­set­zung von der Finanzbe­hörde ange­wandt wor­den ist.

Vorsteuerabzug bei unrichtigem Steuerausweis — und der Vertrauensschutz bei einer Rechtsprechungsänderung

Zur Frage, ob der Vors­teuer­abzug eine geset­zlich ent­standene Steuer voraus­set­zt, hat sich die Recht­sprechung des Bun­des­fi­nanzhofs geän­dert. Nach der ursprünglichen Recht­sprechung des Bun­des­fi­nanzhof war die unrichtig aus­gewiesene Umsatzs­teuer abziehbar1, so dass z.B. auch ein Steuer­ausweis für eine steuer­freie Leis­tung zum Vors­teuer­abzug berechtigte. An dieser Recht­sprechung hat der Bun­des­fi­nanzhof nicht fest­ge­hal­ten. Nach der ‑union­srechtlich gebote­nen- Recht­sprechungsän­derung durch das BFH-Urteil vom 02.04.19982 ist der Leis­tungsempfänger im Umfang eines unrichti­gen Steuer­ausweis­es in ein­er Rech­nung nicht zum Vors­teuer­abzug berechtigt, sodass z.B. ein Steuer­ausweis für eine steuer­freie Liefer­ung nicht zum Vors­teuer­abzug berechtigt.

Bei dem BFH-Urteil in BFHE 172, 163, BSt­Bl II 1993, 779 han­delt es sich um eine Recht­sprechung i.S. des § 176 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 AO.

Für die Anwen­dung des § 176 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 AO bedarf es kein­er ständi­gen Recht­sprechung. Es genügt bere­its eine aus­drück­liche oder jeden­falls ein­deutige Entschei­dung3.

Das BFH-Urteil in BFHE 172, 163, BSt­Bl II 1993, 779 stellt eine solche aus­drück­liche und ein­deutige Entschei­dung dar. Das EuGH-Urteil “Genius Hold­ing“4 ste­ht dem nicht ent­ge­gen. Es war zum Zeit­punkt des BFH-Urteils in BFHE 172, 163, BSt­Bl II 1993, 779 bere­its veröf­fentlicht und wurde in dem BFH-Urteil berück­sichtigt. Im Hin­blick auf diese zeitliche Abfolge war das zuerst (1989) veröf­fentlichte EuGH-Urteil nicht geeignet, Zweifel an der Recht­sprechung des Bun­des­fi­nanzhofs aus dem Jahr 1993 zu begrün­den.

Die Anwen­dung des § 176 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 AO hat zur Folge, dass zugun­sten des Steuerpflichti­gen die bish­erige Recht­slage vor Änderung der Recht­sprechung weit­er­hin maßge­blich ist. Er ist deshalb hin­sichtlich der Berech­ti­gung zum Vors­teuer­abzug so zu stellen, wie er bei Weit­ergel­tung der bish­eri­gen Recht­sprechung stünde5.

Nach der bis zur Recht­sprechungsän­derung maßge­blichen Recht­sauf­fas­sung war die unrichtig aus­gewiesene Umsatzs­teuer abziehbar. Der Leis­tungsempfänger hat­te deshalb bei Berich­ti­gung der Rech­nung durch den Leis­ten­den den ‑nach früher­er Auf­fas­sung zu Recht- in Anspruch genomme­nen Vors­teuer­abzug nach § 17 Abs. 1 Satz 3 UStG für den Besteuerungszeitraum zu berichti­gen, in dem die Rech­nung berichtigt wor­den war6.

§ 176 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 AO set­zt voraus, dass für die Aufhe­bung oder Änderung eines Steuerbeschei­ds eine Kor­rek­tur­grund­lage beste­ht7. Soweit es daran fehlt, ist auch eine Berich­ti­gung der Vors­teuer entsprechend der früheren Recht­sprechung im Besteuerungszeitraum der Rech­nungs­berich­ti­gung aus­geschlossen.

Bun­des­fi­nanzhof, Urteil vom 2. März 2016 — V R 16/15

  1. BFH, Urteil vom 19.05.1993 — V R 110/88, BFHE 172, 163, BSt­Bl II 1993, 779 []
  2. BFH, Urteil vom 02.04.1998 — V R 34/97, BFHE 185, 536, BSt­Bl II 1998, 695 []
  3. BFH, Urteil vom 10.06.2008 — VIII R 79/05, BFHE 222, 320, BSt­Bl II 2008, 863, unter II. 3.c []
  4. EuGH, EU:C:1989:635 []
  5. BFH, Urteil vom 11.10.2007 — V R 27/05, BFHE 219, 266, BSt­Bl II 2008, 438, unter II. 4.; in BFHE 241, 304, BSt­Bl II 2013, 844, Rz 20 []
  6. BFH, Urteile in BFHE 219, 266, BSt­Bl II 2008, 438, unter II. 4.; in BFHE 241, 304, BSt­Bl II 2013, 844, Rz 21 []
  7. BFH, Urteil in BFHE 241, 304, BSt­Bl II 2013, 844, unter II. 3.a []