Wenn der Geschäfts­füh­rer die Gesell­schaf­ter­wei­sung miss­ach­tet…

In der Wei­ge­rung eines Geschäfts­füh­rers, Gesell­schaf­ter­wei­sun­gen nach­zu­kom­men, liegt eine Ver­let­zung dienst­ver­trag­li­cher Pflich­ten, die die frist­lo­se Kün­di­gung des Anstel­lungs­ver­trags recht­fer­ti­gen kann.

Es ist in ers­ter Linie eine tatrich­ter­li­che Fra­ge, ob ein bestimm­tes Ver­hal­ten als wich­ti­ger Grund für eine außer­or­dent­li­che Kün­di­gung zu wer­ten ist. Auf­ga­be des Revi­si­ons­ge­richts ist es, die vom Beru­fungs­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Wer­tung dar­auf zu über­prü­fen, ob der Rechts­be­griff des wich­ti­gen Grun­des rich­tig erkannt und die Gren­zen des dem Tatrich­ter ein­ge­räum­ten Ermes­sens bei der Wür­di­gung des von ihm fest­ge­stell­ten Sach­ver­halts ein­ge­hal­ten wor­den sind; ein Ermes­sens­feh­ler liegt ins­be­son­de­re dann vor, wenn wesent­li­che Tat­sa­chen außer Acht gelas­sen oder nicht voll­stän­dig gewür­digt wor­den sind [1]. Die Wür­di­gung des im vor­lie­gen­den Fall vom Beru­fungs­ge­richt fest­ge­stell­ten Sach­ver­halts war dem­ge­mäß ermes­sens­feh­ler­haft; das Beru­fungs­ge­richt hat einen Kün­di­gungs­grund ledig­lich mit dem for­ma­len Argu­ment ver­neint, dem Geschäfts­füh­rer wer­de die Ver­let­zung organ­schaft­li­cher Pflich­ten zur Last gelegt, die eine außer­or­dent­li­che Kün­di­gung des Anstel­lungs­ver­trags nur bei beson­de­rer Schwe­re der Pflicht­ver­let­zung recht­fer­ti­gen kön­ne.

In der Wei­ge­rung eines Geschäfts­füh­rers, Gesell­schaf­ter­wei­sun­gen nach­zu­kom­men, liegt jedoch zugleich eine Ver­let­zung dienst­ver­trag­li­cher Pflich­ten, die die frist­lo­se Kün­di­gung des Anstel­lungs­ver­trags recht­fer­ti­gen kann [2]. Vor die­sem Hin­ter­grund hät­te das Beru­fungs­ge­richt unter Wür­di­gung des kon­kre­ten, dem Geschäfts­füh­rer von der GmbH vor­ge­wor­fe­nen Fehl­ver­hal­tens begrün­den müs­sen, wes­halb die­sem nicht das für eine frist­lo­se Kün­di­gung nöti­ge Gewicht zukommt.

Im Übri­gen war die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung zurück­zu­ver­wei­sen, weil sie noch nicht zur End­ent­schei­dung reif war (§ 563 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 3 ZPO). Das Beru­fungs­ge­richt hat auf­grund sei­ner for­ma­len Betrach­tung, wonach der Geschäfts­füh­rer ledig­lich organ­schaft­li­che Pflich­ten ver­letzt habe, kei­ne Fest­stel­lun­gen zum Hin­ter­grund, zu Form und Inhalt von des­sen Wei­ge­rung, eine einen wei­te­ren Geschäfts­füh­rer berück­sich­ti­gen­de Geschäfts­ver­tei­lung zu erar­bei­ten, getrof­fen. Da die kon­kre­ten Umstän­de der Ver­wei­ge­rung des Geschäfts­füh­rers nicht fest­ge­stellt sind, kann der Bun­des­ge­richts­hof die Pflicht­ver­let­zung nicht gewich­ten und die nach § 626 Abs. 1 BGB erfor­der­li­che Abwä­gung nicht nach­ho­len. In die Abwä­gung, ob es dem Dienst­herrn nicht zuge­mu­tet wer­den kann, den Dienst­ver­pflich­te­ten wei­ter zu beschäf­ti­gen, sind alle für die Ver­trags­par­tei­en maß­ge­ben­den Umstän­de ein­zu­be­zie­hen [3].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. August 2019 – II ZR 121/​16

  1. BGH, Urteil vom 28.04.1960 – VII ZR 218/​59, LM BGB § 626 Nr. 10; Urteil vom 21.04.1975 – II ZR 2/​73, WM 1975, 761; Urteil vom 09.03.1992 – II ZR 102/​91, ZIP 1992, 539 f.; Urteil vom 28.10.2002 – II ZR 353/​00, ZIP 2002, 2254, 2255; Urteil vom 09.04.2013 – II ZR 273/​11, ZIP 2013, 971 Rn. 24[]
  2. vgl. etwa OLG Düs­sel­dorf, ZIP 1984, 1476, 1477 f.; OLG Nürn­berg, NZG 2000, 154, 155; OLG Mün­chen, ZIP 2017, 1808, 1809; Oetker in Henssler/​Strohn, GesR, 4. Aufl., § 35 GmbHG Rn. 154[]
  3. st. Rspr., BGH, Urteil vom 09.04.2013 – II ZR 273/​11, ZIP 2013 Rn. 24 mwN[]